Attacke der interstellaren Gentrifuckers

Langsam wächst der Frust und Hass. Ich geh durch die Straßen der Stadt in der ich geboren wurde und bin von Tag zu Tag wütender auf die Leute die alles mit ihren ekelhaften Glaspalästen und Neubau-Luxus-Schuppen zuknallen. Da ich aus verschiedenen Gründen ständig am Umziehen bin, macht sich natürlich auch immer wieder der allgemein steigende Mietpreis bemerkbar. Und jedes Mal wenn ich wieder durch die Anzeigen für Mietwohnungen gehe, bin ich kurz vor einem weiteren Stress-Hörsturz bzw. nem akuten Fall von explodiertem Kopf. Alleine was sich die Vermieter und Makler da an Courtage und Gebühren rausnehmen erweckt Fantasien an brennende Häuser, Autos und Menschen. Ich will aus Hamburg aber auch nicht weg ziehen, allein schon weil es auch irgendwie keine Alternative gibt. Dieselbe Scheiße spielt sich ja auch in allen anderen Städten ab und dehnt sich langsam auf die Metropolregionen aus. Ich frag mich wo die ganzen Leute herkommen, die sich mal eben ne Zwei-Zimmer-Tausend-Euro-Wohnung leisten können. Die wachsen ja auch nicht auf Bäumen. Was klar ist, es wird günstiger Wohnraum in den Städten gebraucht und zwar auch kleinere Wohnungen, bzw. Wohnungen, die WG-geeignet sind. Diese ganze Scheiße die überall für junge Pärchen und Familien aus dem „hohen Mittelstand“ gebaut wird und meist nachdem durchaus nutzbare und schöne Wohnhäuser unter scheinheiligen Gründen einfach platt gemacht werden. Das Haus in dem ich wohne hat anscheinend einen kleinen Riss wegen irgendeiner s.g. Bodenbewegung und aus diesem Grund scheint sich eine, schon nötige Sanierung nicht zu lohnen. Ich finde das schwachsinnig. Die Häuser bestehen aus Zwei-Zimmer-Wohnungen und das ist der Grund warum der ganze Block abgerissen werden soll. Damit kann man nicht so viel Geld verdienen wie mit größeren Wohnungen. „Dulsberg soll erhalten bleiben“ wagt sich die Frau von der Genossenschaft zu sagen, als ich sie nach dem Grund frage, warum 20 bewohnte Wohnungen, 18 leeren Wohnungen weichen sollen. Hä?! Erhalten durch Abriss? Es sei kaum Bedarf für kleine Wohnungen da, findet sie außerdem. Nur das eben 20 bis 30 Menschen bis vor kurzem sehr zufrieden dort gelebt haben. Nun ist wieder Bedarf da, denk ich mir. Das einzig gute ist, dass ich mir theoretisch keinen Stress mit der Wohnungssuche machen muss, da ich in ner Genossenschaft bin und die das erledigen. Die Situation ändert das natürlich nicht. Das erste Wohnungsangebot, dass ich von denen bekam, war übrigens ein befristeter Mietvertrag, da sie für das Haus schon „Umbau/Sanierungspläne“ haben. Ha! Der Brief ist gleich im Müll gelandet.

Mir ist klar, dass es ein natürliches Stadtwachstum gibt, wo alte Häuser weichen und neue gebaut werden und eben keine gemütlichen Altbau-Neubauten sondern moderne Wohnanlagen die eher funktional als schön sind. Das ist ja auch kein Problem. Nur die Gründe die momentan zum Abriss führen kotzen mich an. Es geht nicht darum Wohnraum zu schaffen, sondern darum den Menschen das Geld aus der Nase zu ziehen. Momentan ist die Nachfrage eben höher als das Angebot und dieser Zustand passt den Investoren, Vermietern und anscheinend auch den Genossenschaften schon ganz gut in den Kram. Ich bin mal gespannt wie weit die das noch treiben können und was passiert, wenn es irgendwann zu viel wird.

Als die Hafencity in der Planung war, hab ich mir überlegt, was ein Viertel ausmacht, in dem sich Menschen wohlfühlen. Direkt in den Sinn kamen mir die alten Gassen von Lüneburg oder die Altstadt von Stockholm. Viele Fachwerk- und Altbauhäuser mit kleinen Läden in den Erdgeschossen und Innenhöfen die als Treffpunkte dienen können. Straßen die dazu einladen sich dort auch mal ohne besonderen Grund aufzuhalten. Das bringt halt nicht so viele neue Wohnungen, wie es beispielsweise ein Plattenbau bieten würde, aber es um einiges mehr auf die Bedürfnisse der Menschen zugeschnitten. Wollen Menschen denn wirklich, wie in der jetzigen Hafencity in ihren Wohnbatterien leben, in einem Umfeld, dass dazu konzipiert ist ausschließlich den Konsumwunsch zu stillen und alle anderen Bedürfnisse nur durch längere Fahrten bzw. Urlaub gestillt werden? Wo man eigentlich nichts machen kann ohne Geld auszugeben. Architektenstyle, sauber und ohne Rundungen. Wie ich gestern mal wieder gesehen hab, werden einige dieser Style-Objekte aber auch wieder zurückerobert. So empfand ich die Renovierung am Schlachthof (jetzt Knust) bei der Feldstraße von Anfang an als zu sauber und, naja, modern. Mittlerweile verdreckt das Haus und seine Umgebung aber langsam wieder und es erfüllt mich mit Hoffnung, dass es auch bald wieder düstere Ecken in Hamburg gibt, wo die Gentrifizierer wieder zurückgeschlagen werden. Aber das ist ja eh der Lauf der Dinge. Die Kreativen und Alternativen müssen ja nun mal irgendwohin und dort entstehen dann wieder interessante Orte, welche vermutlich nach einiger Zeit wieder übernommen werden und so weiter.

Es macht schon Mut den vielfältigen Widerstand überall zu sehen, auch wenn oft das Gefühl aufkommt, dass dieser nur in kleinem Kreis stattfindet und sobald man über den eigenen Tellerrand blickt eigentlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Aber es ist ein Anfang und sorgt dafür dass das Problem diskutiert und wahrgenommen wird. Auch wenn es oft wirkt wie David gegen Goliath.

Kommentare | Kategorie: Artikel, Kolumnen

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *