Christian Bendel Interview

Wie kann man eine Einleitung für jemanden beginnen, den man für einen der besten Hardcore- und Punkfotografen hält, die unsere klapprige Szene in den letzten… ach, was soll’s… 30 Jahren hervorgebracht hat? Vielleicht könnte man von dem Tag erzählen, als der kleine Christian (damals nur etwa 1,90 Meter groß und ohne Kamera) zum ersten Mal auf einem unserer Winsener JuZ-Konzerte erschien. Leider erinnere ich mich nicht mehr so ganz genau, aber das trifft auf die meisten dieser Gigs zu. Ich glaube das erste Mal, dass ich Herrn Bendel mit Fotografien in Verbindung brachte, war vor etwa drei oder vier Jahren bei einem Bandfotoshooting im Skatepark, ebenfalls in Winsen. Die Fotos fielen an diesem Tag eher Mau aus, was aber wohl zum größten Teil an unseren hässlichen Visagen lag. Nee, so richtig der Augenöffner war das wohl kaum, der kam erst später und zwar in Form von Konzertfotos eines Konzertes in… Na, wer errät es? Die Fotos waren der Hammer! Auf solche Bilder war ich bei anderen Bands immer neidisch gewesen. Ich laufe der Zeit stellte ich aber schnell fest, das Bendel selbst damals noch ziemlich am Grund seiner Fähigkeiten schlummerte und wenn man sich die Bilder heute ansieht, scheinen sie aus einer ganz anderen Zeit zu stammen. Heute gibt es kaum eine Punkband im Hamburger Umkreis, die nicht mit den hervorragenden Fotos angeben könnte (und das auch ausgiebig tut), und das ist nur der „Basis-Kundenkreis“.

Interview mit Christian Bendel
Typischer Action-Move: Christian Bendel

Das alles wäre ja für sich genommen schon Grund genug einmal ein Interview zu machen. Weil Bendel aber außerdem noch ein sehr cooler, witziger und sympathischer Kerl ist, der sich auch für äußerst skurrile (aber super lustige) Aktionen nicht zu schade ist, war diese Frage einem Interview für mich schon erledigt, bevor der Gedanke zu Ende gedacht war. Ein bisschen doof fand ich dann, dass ich das Inti nach etwa  neun Stunden Arbeit führen musste und so etwas von der Rolle, weil müde war. Zum Glück ergänzten sich Bendel und ich uns Super, in dem er einfach das Sprechen übernahm. Das ist ja eigentlich auch der Sinn der Angelegenheit!

Micha: Wo sollen wir anfangen? Stell dich doch am Besten erstmal mal vor.

Bendel: Ich bin Christian Bendel, 27 Jahre alt, wohne in Hamburg und fotografiere seit 5 Jahren halbwegs professionell und vor allem die letzten zwei Jahre habe mich mit Konzertfotos weiter nach vorne gebracht.

Micha: Wie hat denn das damals angefangen? Hast du dir irgendwann gesagt, jetzt mach ich Konzertfotos und hast dir dann ne Profikamera besorgt?

Bendel: Nee, überhaupt nicht. Meine erste Kamera hab ich, glaub ich, mit sechs Jahren bekommen. Das war ne ganz kleine Plastikkamera, wo man so einen Mini-Film einlegt, oben nen Sucher hat den man aufklappt, Da hast du dann deine sechs Bilder geschossen, die waren so drei mal drei Zentimeter. Total Großartig. Und das quasi der Einstieg in die Fotografie für mich. Mein Dad hat mir dann mit seiner Kamera Stück für Stück gezeigt wie es geht. Seine Kameras hab ich dann genommen und angefangen rumzuprobieren, bis ich es irgendwann so weit hatte, dass ich damit arbeiten konnte. Die erste Kamera hat er mir dann quasi auch überlassen. Wirklich ne gute Kamera zu der Zeit. Ne Nikon F3, eigentlich ne Profikamera. Die war für den Einstieg schon ne Herausforderung, mit ihren ganzen Funktionen. Aber das war schon ganz gut so.

Micha: Analog oder Digital?

Bendel: Ich hab auf Film angefangen und dann Stück für Stück ans Digitale gearbeitet.

Micha: Was nutzt du jetzt für eine Kamera?

Bendel: Ich arbeite jetzt auf ner Semi-professionellen eigentlich. Das ist eine 20 D, die Canon. Ist halt auch keine Profikamera, eigentlich eher so was für den Alltagsgebrauch. Für meine Zwecke reicht es halt noch.

Micha: Es kommt ja auch nicht immer nur auf die Technik an, sonder vor allem auf die Person die dahinter steht.

Bendel: Eben. Das denk ich mir halt auch. Deswegen bin ich auch so froh, dass ich das mit dem Film noch gelernt hab, bzw. mir selbst beigebracht hab. Das hat halt doch noch Vorteile, wenn man z.B. nen dunklen Raum hat und kucken muss, dass die Bilder trotzdem nicht rauschen. Das man mit der ganzen Belichtungsgeschichte umgehen kann. Klar, die heutigen Kameras haben ihren Automodus, wo du eigentlich gar nichts mehr machen musst, aber dann hast du halt auch die Bilder, die jeder hat. Da will ich weit von weg. Deswegen mach ich vorher meine manuellen Einstellungen und blitz dann analog rein. Das versteht bestimmt kein Mensch! kichert

Micha: Wenn man sich während der letzten Jahre deine Fotos angekuckt hat, dann sieht man da schon eine ordentliche Entwicklung. Wie entstehen deine Ideen? Sind das Effekte bzw. Bilder, die zunächst aus Versehen entstanden sind, oder denkst du dir schon vorher verschiedene Sachen aus?

Bendel: Am Anfang hab ich natürlich viel ausprobiert. Aber im Laufe der Zeit bekommt man dann seine Bewegungen rein, da auch mit viel Langzeitbelichtung arbeite. Man kann bei den Kameras auch einstellen, dass der Blitz den Spiegel verschließt, dass man das regulieren kann und es immer auf dem gleichen Modus ist. Ich mach das anders und regulier das komplett Manuel. Ich mach z.B. die Blende auf mit der rechten Hand und blitze dann mit Links rein, wenn ich denke dass es lang genug offen war. Da bekommt man irgendwann ein Gefühl zu. Am Anfang war es oft viel zu hell, viel zu bunt, viel zu… verrückt irgendwie. Überall Linien. Jedes Licht zieht da ja diese Linien. Stück für Stück hab ich gemerkt dass man da eben mit den Blenden spielen muss, dass man mal schneller zu macht oder den Blitz noch besser platziert. Aber so richtig planen tue ich das auch nicht. Das entsteht auch immer auf dem Konzert, je nachdem was man grade für eine Musik vor sich hat. Auf ner Hardcoreshow ist es natürlich explosiver als auf einem Skakonzert. Da entstehen auch oft durch Zufall Effekte, aber im Grundprinzip ist schon klar, wo ungefähr was zu sehen ist. Durch die Hintergrundbeleuchtung der Bühnenlichter bekommt man oft gute Lichteffekte, die halt durch die Körper gehen, oder das man im Hintergrund was hat, was verschwimmt. So richtig vorher planen kann man so was eben nicht. Ich finde es auch wichtig, dass man ne sehr schnelle Reaktion hat. Wenn da zum Beispiel einer zum Sprung ansetzt oder irgendwas Verrücktes macht – losrennt oder auf den Boden fällt. Da muss man sofort agieren können, ohne dass man erst irgendwas einstellen muss. Es gibt viele Fotografen, die vorher alles einstellen, den ganzen Abend durch ihren Sucher kucken und überhaupt nicht mitbekommen, was drum herum passiert. Das ist bei mir der Vorteil. Ich hab ein Weitwinkel, das ich auf unendlich stellen kann. Dadurch wir alles auch in einem gewissen Bereich scharf und wenn ich den Blitz richtig platziere und im richtigen Moment die Linse wieder zu mach, hat man echt coole Effekte. Diese Aktion und Bewegung die im Raum ist wird dadurch festgehalten. Das sieht man eigentlich auch auf den Bildern. Das ist alles sehr in Bewegung geschossen.

Micha: Aber trotzdem scharf.

Bendel: Ja genau. Durch den Blitz wird es halt trotzdem scharf.

Micha: Bereitest du dich auf die Konzerte vor? Hörst du dir z.B. die Musik vorher noch mal an, falls du die Band nicht eh schon kennst?

Bendel: Eher selten. Die meisten Bands kenn ich halt. Falls ich mal ne Band hab, die ich noch nicht kenne, hör ich schon mal rein, damit ich mich ein bisschen drauf einstellen kann, was  auch publikumsmäßig zu erwarten ist. Das kann man in Hamburg eh ziemlich schwer vorhersagen, weil es meisten ein sehr gemischtes Publikum ist und mal ist da weniger und mal mehr los. Aber von der Musikrichtung kann man schon ganz gut einschätzen, ob man da gute Bilder abgreifen kann, oder sich schon ein bisschen mehr Mühe geben muss um da richtig Motive zu suchen. Die sind halt auch mal eher rar gesät. Bei den Shows wo dann viel los ist, hat man dieses Problem nicht, weil man auch viel mehr Material hat. Aber Vorbereitung in dem Sinne, betreibe ich eher nicht. Also höchstens, wenn die Location sehr klein ist, pack ich auch mal das Fisheye mit ein, damit da noch näher ran kann, weil eben kein Platz ist. Oder bei großen Läden wie dem Docks oder der Großen Freiheit, kommt das Teleobjektiv mit, damit man auch von hinten die Bühne und das Publikum querschießen kann. Aber diese großen Locations sind ja eh nicht so oft.

Micha: Du hast also irgendwann Hobbymäßig angefangen Konzerte zu fotografieren, auch aus eigenem Interesse…

Bendel: Aus Szene-Internen Interesse einfach, dass man auch ein Zeitdokument erstellt.

Micha: Mit dem Gedanken bist du da rangegangen?

Bendel: Naja, eher nicht. Erstmal probierst du natürlich nur aus, und dann merkst du bald, dass es ziemlich viel Bock bringt. Also bis ich nach Hamburg gekommen bin, dass hat ja auch noch ein bisschen gedauert. Angefangen hat das ja alles in Winsen (Anm. Luhe) bei diesen ganzen Juz-Konzerten. Das war natürlich noch ein ganz anderer Level. Da versucht man noch irgendwas raus zu kriegen, aber da passiert ja noch nicht so viel wie auf den Bühnen in Hamburg. Man kann sagen Winsen und Lüneburg waren der Einstieg in den ganzen Jugenzentren. Mit FuzzBeer, mit den Skapes. Das war der komplette Anfang, wo ich die Kamera in die Hand genommen hab auf Konzerten. Als wir dann nach Hamburg gegangen sind, fing es richtig an los zu gehen. Die Locations und die Szene waren ganz anders. Bands waren größer. Überhaupt kein Vergleich. Und dann war man natürlich erstmal eingeschüchtert von den ganzen anderen Fotografen die da ab und an mal rumlaufen. Als ich aber gemerkt hab, dass das irgendwie schon ein eigener Stil ist, den ich da kreiere, war für mich klar: Okey, das sollte man schon durchziehen. Und dann bin ich auch dabei geblieben. Natürlich nicht mit dem Hintergrund, dass ich da mal irgendwann von leben kann. Mittlerweile hat die Fotografie aber schon überhand genommen in meinem Leben. Die Leidenschaft und der Wille das zum Beruf zu machen, ist auf jeden Fall groß. Da ist natürlich ein ziemliches Risiko dabei, weswegen man sich eigentlich schon selber ziemliche Probleme im Kopf macht, ob das auch funktionieren kann. Es ist nach wie vor schwer, aber es fängt an ganz gut zu laufen.

Micha: Du warst ja letztes Jahr auch beim Uelzen OpenAir und hast da unter anderem die Ärzte fotografiert. Da hab ich so gedacht: Oha, jetzt läuft das aber an. Was waren für dich selbst so die Höhepunkte, wo du vielleicht gedacht hast: Da will ich nicht nur hin um Fotos zu machen, da fühl ich mich richtig geehrt da zu sein. Kommt so was überhaupt vor?

Bendel: Ja, das gab schon solche Sachen. Also die Ärzte waren auf jeden Fall ein Erlebnis. Ich hatte die schon oft Live gesehen, aber noch nie  so aus diesem Blickwinkel. Man sieht das ganze Konzert ja schon anders. Die Konzerte sonst, erlebt man da mit Freunden in der Menge, es ist eng und man fängt an ein bisschen rumzutoben. So stehst du vorne im Graben und bist auf dich allein gestellt mit dreißig anderen Fotografen. Und jeder hat halt dasselbe Bild im Kopf was man da haben will (lacht), weil bei so großen Konzerten tut sich eben auch nicht soviel. Aber wirklich Konzerte die mich beeindruckt haben, ja, stolz würde ich gar nicht mal sagen. Wo ich froh war, dass ich das noch erleben durfte, waren auf jeden Fall die Show in der Flora von Have Heart and Verse (Anm. ich glaube das Konzert mit Verse war am 20.08.08 im Hafenklang. In der Roten Flora spielten Have Heart mit Rise and Fall und Shipwreck A.D. am 05.07.2009 – siehe auch chbendelphotography.com). Damals hieß es, dass es die Abschiedstour sein sollte, es ging aber später doch noch weiter. Das war auf jeden Fall, das Konzert was ich in der Flora, am abgefahrensten fand. Da war die Flora so voll, wie ich sie bis jetzt noch nicht wieder erlebt hab. Und Have Heart ist ne krasse, emotionale Band, wo der Sänger echt, ich sag mal, durch die Scheisse geht. Und auf den Bildern ist es halt auch so.
Was größere Bands angeht. Nagut, ich hab Bad Religion fotografiert, wo es auch wieder Anekdoten zu gäbe. Ich weiß ja nicht wie lang das Band da ist…

Micha: 90 Minuten.

Bendel: 90 Minuten. Okey! Das lief halt über Sony Music damals, schon nicht mehr über Epitaph (Anm.: 03.06.08 im Docks). Ich war im Bühnengraben. Drei Lieder Auflage, klar, wie immer. Drei Lieder ohne Blitz darfst du da fotografieren. Die hab ich abgeschossen und wollte mir dann die Show ankucken, weil ich Bad Religion auch so noch nie gesehen hab. Und dann hieß es halt: Alle Fotografen raus, klar. Dann bin ich halt raus und wollte über den Zaun wieder zurück und mir ein Bier holen. Dann hieß es aber irgendwie, dass ich meine Kamera erst weg packen sollte. Da meinte ich, ja, ich bin aber mit dem Fahrrad hier, ich kann die nicht wegpacken. Ich stell die da unter die Bühne, ist ja kein Problem. – Nee, das geht nicht so, ich solle die entweder ins Auto oder nach Hause bringen. Auflage von Sony Music. Da dachte ich halt: Okey, das find ich jetzt schon ziemlich Scheisse, ich will ja das Konzert sehen. Ging aber nicht. Da musste ich echt raus und kam vorne auch nicht mehr rein. Unter aller Kanone! Was soll sone Scheisse. Aber da hat die Band ja eigentlich nichts mit zu tun. Das liegt ja alles am Label.

Micha: Was mich besonders interessiert, ist dass du mittlerweile bei eigentlich allen „nennenswerten“ Fanzines in Deutschland mittlerweile was veröffentlicht hast. Mal abgesehen vom Plastic Bomb?

Bendel: Ja, Plastic Bomb noch nicht. Aber ich glaube das liegt eher daran, dass die Leute da schon ein bisschen faul sind, was das angeht. Ich schreib da schon öfters mal hin. Die haben halt ihre festen Leute. Und am Anfang ist auch das Problem, dass man erstmal natürlich gar nicht ernst genommen wird. Man ist so ein Fisch im Meer, der ankommt und sagt: Hallo, ich hab Fotos! Da sagen die halt: „Alter! Weißt du wie viele Leute uns sagen ‚Hallo ich hab Fotos’?? Da können wir uns mit zuschmeißen!“ Aber die Hartnäckigkeit zahlt sich dann doch aus.

Micha: Ich schätze mal nach diesem Interview mit dem Akrox wird das auch ganz anders laufen. Da laufen dir dann alle hinterher.

Bendel: (lacht) Ja, der Rolling Stone klopft dann auf jeden Fall an die Tür. Das wäre auf jeden Fall noch mal ein geiles Ding. Naja, aber so das OX, und das TRUST ja sowieso. Das war auch das erste Fanzine, das mich mit aufgenommen hat. Da bin ich jetzt auch richtig als freier Redakteur mit dabei. Ich trag da auch mal schriftlich mit bei, aber eher selten, weil es die Zeit nicht zulässt. Mit Atlas Losing Grip hab ich zum Beispiel ein Interview für das TRUST gemacht und eben auch die Fotos zu beigesteuert. Weil sich das Layout komplett geändert hat, hab ich eben auch nen ganz guten Einstieg bekommen. Da hat eben jemand aufgehört, und dann hat der Layouter gewechselt und der fand halt meine Fotos noch geiler als der davor (lacht). Seit dem ist das schon so ein Selbstgänger, dass in jedem Magazin mindestens zwei Bilder sind. Ich find das ziemlich cool, weil das TRUST halt schon Geschichte hat. Und das ist auch nach wie vor bei dem Layout geblieben, weil es einfach drauf scheißt, was diese ganze andere Fanzinekacke so macht. Es gibt ja auch wahnsinnig viele Fanzines inzwischen. Das TRUST hat sich da auf jeden Fall gut gehalten, sag ich mal. Das OX ist dann dazugekommen. War ein schwerer Kampf, weil die Bilder zwar immer gut waren, aber das grade vom Layout nicht passte. Da wurde ich schon immer so abgefertigt. Aber ich bin dann trotzdem hartnäckig geblieben, immer so Zack, Zack, Zack, hier die Fotos. Nerven. Und das hat funktioniert. Das erste was ich im OX hatte war dann sogar auch Have Heart. Und danach ging es dann mit den Ärzten weiter. Mittlerweile checken die auch meine Seite regelmäßig. Darauf läuft es dann eben auch hinaus, dass die ganzen Magazine meine Seite regelmäßig besuchen und dabei wissen, welche Fotos sie brauchen, was ihnen eben so vorschwebt. Ob nun Promobild oder eher Live-Mitschnitt, was die meisten dann schon vorziehen, weil es auch widerspiegelt, was die Band verkörpert. Das ist dann natürlich mein Vorteil. Es läuft eigentlich ganz gut, ich kann mich nicht beklagen.

Micha: Und gibt es auch Magazine, wo du sagen würdest: Nö, da mach ich nicht mit? Mir fällt da zum Beispiel das VISIONS ein. Würdest du dort auch was veröffentlichen?

Bendel: Ich versuche es ehrlich gesagt. Es ist halt so, dass man sehen muss, wo man bleibt. Das ist auch der Zwiespalt. Die Musikfotografie ist eben so ähnlich aufgebaut wie die Musikindustrie an sich. Sobald du über längere Zeit nichts mehr veröffentlicht hast, oder auch nicht mehr viel gebracht hast, bist du eben weg vom Fenster. Das geht Rucki Zucki. Ich möchte eben auch da hin, dass ich von der ganzen Geschichte irgendwann leben kann. Momentan assistiere ich ja nebenbei bei einem Fotografen im Modebereich, um eben die Rechnungen zu bezahlen. Aber es kristallisiert sich schon heraus, dass ich nicht mehr lange assistiere, sondern bald aus dem Knick kommen und richtig Gas geben will. Die Ausstellungsprojekte mit der Collaboration (myspace.com/collaborationvernissage) gehen ja jetzt in die zweite Runde. Da sieht man auch schon, dass die Bilder vom letzten Mal zum verkaufen mehr angefragt werden. Vor Ort war das nicht der Fall, da die Formate auch zu groß waren und damit auch der Preis. Da hatte eben keiner das Geld in der Tasche, mal eben so ein Bild zu kaufen. Es kommen auch Anfragen von Konzertfotos, ob ich die den Leuten nicht als Kunstdruck machen kann. Das wäre auch noch so eine Option, wodurch man was dazu verdient. Das ist natürlich auch kein geregeltes Einkommen, aber das werde ich eh nie haben. Was noch cool wäre, ist der Einstieg bei einem Label. Das man da die Promotionbilder macht, mit den Leute die auch aktuell grade angesagt sind. Damit könnte man schon die Rechnungen bezahlen und trotzdem auch das machen und umsetzen, was ich auch machen will. So wie jetzt eben, nur das ich von dem Musik- und auch Skatefotografien, die noch mit dazugekommen sind, auch leben kann. Das wäre eben mein Traum. Natürlich muss man auch mal Bands fotografieren auf die man nicht so Bock hat. Nur mit Hardcore und Punk kann man seine Miete ja leider noch nicht zahle (lacht). Weder die Band, noch die Fotografen oder irgendjemand anderes der auf die Shows geht.

Micha: Was das VISONS angeht, gibt es ja Fälle wo die einfach mal die Bilder von Künstlern ohne Erlaubnis in ihr Heft genommen haben und dann gesagt haben, so nach dem Motto: Naja, klag doch, wir haben die besseren Anwälte. Das war bei einer Fotografin vom Hungrige Herzen aus Hamburg der Fall. Bei kleinen Fanzines find ich das noch OK, aber bei so einer Zeitung wie dem VISIONS…

Bendel: Ja so was ist natürlich dreist, wenn das wirklich so ist. Das weiß ich natürlich nicht. Aber es ist nun mal auch ein Magazin, dass in Deutschland vergleichbar wäre mit dem… naja… Rolling Stone. Eben ne andere Musikrichtung. Die haben sich schon sehr weit wegentwickelt von dem wo ich auch hin will. Das stimmt schon.

Micha: Joah. Man merkt ja schon dass du nicht nur auf Konzerte gehst, sondern auch noch andere Projekte hast, wie die Collaboration. Was ist denn das überhaupt?

Bendel: Das ist ein Projekt das eigentlich aus einer Idee entstanden ist, die ich vor ca. 2 Jahren direkt beim Aufstehen hatte. Ich bin da halt wachgeworden und hatte den irrwitzigen Einfall mal so ein Event auf die Beine zu stellen, dass die Musik und Fotografie und Kunst an sich, und diesen ganzen Lifestyle irgendwie vereint. Wo aber auch alle Bock drauf haben und was es eben auch noch nicht gibt. Ich hab dann diesen ganzen Gedanken weitergesponnen und überlegt was machbar wäre. Halt die Fotografie, auf jeden Fall ein Konzert und dann eben was passenden zu Punkrock und Hardcore zu nehmen. Alles was ich halt dazu höre und auch fotografiere an passendem ist eben BMX- und Skateboardfahren, im Endeffekt diese Fun-Sportarten. Alles was in den 80ern und 90ern auch mit gewachsen ist. Das man das alles kombiniert und etwas auf die Beine stellt, was auch wirklich funktionieren könnte, durch Sponsoren, durch Finanzierung von der Stadt und so weiter, weil man auch diesen kulturellen Förderungsfaktor mit drin hat. Das eben alles zu versuchen. Und im Februar diesen Jahres haben wir das das erste Mal auf die Beine gestellt mit fünf Künstlern. Vor allem (im größten Bereich) Freunde. Der Carlos Fernandez Laser (Anm.: Wer mal bei einem Goodbye Jersey Konzert am Merch-Tisch vorbeischlenderte wird ihn kennen, ich sach nur: Bling Bling), der auch mein Partner in der Hinsicht ist. Die Idee ist zwar meine, aber alleine kann man so etwas nun mal nicht auf die Schultern nehmen. Da brauch man auf jeden Fall jemanden der einem dabei hilft. Meine Freunde und Familie haben mir da auf jeden Fall auch sehr bei geholfen. Die Grundidee war aber folgende: Das erste Mal war im Skateland in Hamburg. Drei Bands spielen da. Man baut Wände auf, die man gut ausleuchtet, damit dort die Kunst eben präsentiert und nebenbei auch noch geskatet werden kann. Das man diese drei Dinge in nem coolen Dialog unterbringen kann und jeder eben Spaß dran hat. Und das Feedback war wirklich enorm. Wir hätten niemals damit gerechnet. Es waren über 650 zahlende Besucher da. Bestimmt auch noch mehr, weil noch mal 60, 70 Leute so durchgelassen wurden, nachdem irgendwann eine gewisse Menge erreicht war und wir das Go hatten.

Micha: Wie war denn das Feedback dazu und was für ein Publikum kam denn dahin?

Bendel: Überwiegend positiv. Natürlich war es das erste Mal, quasi der Prototyp. Da gibt es natürlich Sachen, wo es auch mal ins hapern kommt. Einmal war der Strom weg, dann sind da halt Kids geskatet, wo sie es eigentlich nicht sollten. Im Endeffekt hat aber alles ganz gut geklappt. Wir haben auch viele Verbesserungsvorschläge bekommen, aber eben im positiven Sinne, um uns auch Arbeit zu ersparen oder um Gefahren weg zu nehmen. Und dadurch das halt von Jung bis Alt da war, also wirklich Familien mit Oma, Opa, Enkelkindern, wars auch richtig geil. Da sind dann diese kleinen Kids eben geskatet oder mit ihren Rollern rumgerollt und Oma, Opa standen vor den Bildern, mit nem Bier oder nem Glass Wein in der Hand. So haben wir uns das auch gedacht. Halt für Jedermann und nicht nur für szeneinterne Gruppen. Halt auch um verschiedene Punkte, die oftmals in den Medien auch falsch dargestellt werden, mal richtig zu stellen. Von wegen, die Punker machen immer alles kaputt. Um eben zu zeigen, dass das auch anders geht, auch ne Lebenskultur ist. Das war schon krass und jetzt geht es bald in die zweite Runde.

Micha: Und was ist da geplant?

Bendel: Wir wollen das halt so aufziehen, dass es zwei Mal im Jahr stattfindet. Einmal im Sommer, was auch groß ist und möglich auch draußen. Oder in der Skatehalle, wo geskatet und BMX gefahren werden kann. Im Winter oder Herbst, wie es auch jetzt im Oktober der Fall ist, geht es dann so, dass man sich eben ne Konzertlocation sucht und vorrangig auch ein Konzert mit lokalen, musikalisch reinpassenden Bands auf die Beine stellt. Dazu dann aber auch die Kunst noch mit in den Raum bringt. Dieses Mal ist es in der Fabrik, wo wir die obere Etage für die Kunst nehmen und unten dann das Konzert stattfindet. Mit diesem Konzept möchten wir eben die nächsten Jahre auch in Deutschland auf Tour gehen. Das war jetzt zwei Mal in Hamburg und vermutlich auch das letzte Mal. Nächstes Jahr ist Münster angepeilt und so wird es dann weitergehen. Auch mit lokalen Bands Da leg ich auch grade viel Wert drauf, dass diese Geschichte auch weitergeht. Vor allem auch als Hintertürchen, falls es mal mit der Fotografie nicht so läuft.

Micha: Naja, wenn man heute mal bei MySpace kuckt, dann sieht man da ja eigentlich bei so gut wie allen lokalen und einigen „größeren“ Bands dein Logo auf dem Profilfoto.

Bendel: Ja, das wird immer mehr. Es läuft ja auch darauf hinaus, dass immer mehr Leute und Bands gezielt Promofotos und Bandshootings von mir haben wollen. Das wird wohl auch im nächsten Jahr noch ein Schwerpunkt bei mir werden. Ich muss halt sehen, dass sich das immer die Wage hält. Für die Konzerte bekomm ich nach wie vor immer noch nichts. Ist ja auch klar. Ich bezahl aber in der Regel auch keinen Eintritt. Das Geben und Nehmen ist da schon sehr groß. Da kann ich auch bei gut verkauften Gigs so reinmarschieren, auch ohne das vorher abgeklärt zu haben. Würde auch gar nicht gehen, wenn ich für jede Show da noch Eintritt bezahlen müsste.

Micha: Wie viele Konzerte sind denn das durchschnittlich pro Woche?

Bendel: Pro Woche… Naja, wenn man es aufs Jahr rechnet ist es schon mindestens ein Konzert. Manchmal hat man so was wie letzte Woche, da waren es gleich fünf Konzerte. Da muss man auch echt schnell sein. Die Leute wollen die Fotos sehen und wenn die am nächsten oder übernächsten Tag nicht online sind, gerät das schnell in Vergessenheit.

Micha: Noch ein paar letzte Worte?

Bendel:  Kommt zu den Shows, sprecht mich auch gerne an, wenn ihr was wissen wollt. Freu ich mich immer drüber über Fragen. Ich erklär euch auch gerne Mal wie ich arbeite. Ich verrate zwar nicht alles, sage aber wie es ungefähr funktioniert und den Rest müsst ihr eben selber raus finden. Ansonsten: Geht auf die Shows, feiert ordentlich. Stay Wild (lacht) Skate and Destroy!

Es gibt seit dem 01. Oktober Bendels ersten Kalender mit Fotos von (überwiegend) Punkrockshows. Gute Schnappschüsse auf DinA3 festgehalten. Gibt es für nen Zehner direkt bei Bendel, auf der Collaboration, bis Ende des Jahres auf so manchen Konzerten in Hamburg oder auch bei Let It Burn Records (letitburnrecords.com), die das als Release raus gebracht haben. Da kann man den Kalender auch bestellen. Das gute Stück trägt den Namen  „From all walks of life“ und hat unter anderem Fotos von Bands wie SNFU, Have Heart, Shai Hulud, Bane, Verse und Class War Kids im Programm.

Infos:
chbendelphotography.com – Offizielle Seite mit vielen Fotos
christianbendel.tumblr.com – Blog
christianbendel.bigcartel.com – Shop

Kommentare | Kategorie: Artikel, Interviews

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