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Deutscher Rock- und Pop-Preis 2003

So, jetzt ist der ganze Scheiss zwar schon fast´n halbes Jahr her, aber ich kann mich immer noch jedes Mal richtig darüber aufregen, wenn ich nur dran denke. Das ganze fing an, als ich eines schönen Tages den Tipp bekam, da suche jemand noch Leute zum Aufbauen bei sonem Musiker-Wettbewerbs-Festival. Ich, wie immer blank, rief natürlich sogleich an. Wie das so ist, war der Chef natürlich nicht da, aber meine Nr. trotzdem notiert, um bei Bedarf auf mich zurückgreifen zu können. Schließlich, ca. 3 Wochen später und 3 Tage vor dem besagten Tage, rief mich eine etwas verzweifelte Dame an, welche just folgendes Problem zu Sprache brachte: Sie hätten zwar genug Leute für den Auf- und Abbau, jedoch hätte die Firma, welche die Security stellen sollte kurzfristig abgesagt. Ob ich nicht Lust hätte. Das Problem dabei wäre allerdings, dass es nur 50 Euro geben würde und die Arbeitszeit von 10 Uhr Morgens bis Mitternacht wäre. Also 14 Stunden für je ca. 3,30 Tacken. Nunja. Was hat man an einem Samstag schon besseres zu tun, als sich ein paar Konzis an zu kucken, nebenbei irgendwo ne Tür zu bewachen (wie sie es sagte) und dabei noch ein wenig Kohle zu verdienen? Nicht viel. Und die verzweifelte Frau an der anderen Seite will man da ja auch nicht ihrem Schicksal überlassen. Nun folgte also der erste Fehler meinerseits: Ich sagte zu.

Am Freitag davor hatten wir dann selber noch´n Konzi und weil ich dort noch gleich meinen Geburtstach nachfeiern wollte, gabs auch ordentlich was inne Birne.

Wie auch immer. Ich wachte am nächsten Morgen pünktlich um 9.15 bei unserm Schlagzeuger auf, merkte mein Verschlafen, raste ca. 15 Min. später Richtung Hamburg zum CCH (wo das ganze stattfand) und schaffte es, nur wenige Minuten zu spät, ins Parkhaus. Wer dort schon einmal geparkt hat, wird nun wissen, warum das mein zweiter Fehler war. Aber dazu später mehr.

Nach etwas Suchen und dem unauffälligem Hinterherschleichen bei einigen Musikern, kam ich schließlich zum Eingang. Hier bekam ich auch zum ersten Mal mit, wer eigentlich mein Arbeitgeber war: Niemand geringeres als der Deutsche Musiker Verband, welcher hier seinen alljährlichen  „Deutschen Rock & Pop Preis“ veranstalteten. Was ich allerdings irgendwie nicht mitbekam, dank der tatkräftigen Hilfe der Infodamen, war wo ich mich den melden sollte. „Ja, Ole wird es wissen.“ war die häufige Antwort. Aber woher zum Teufel soll ich wissen wer bzw. wo Ole ist? Die Garderoben-Leute erbarmten sich schließlich meiner und ich  rauchte erstmal eine auf den morgendlichen Stress. So was ist man als Ex-Zivi gar nicht mehr gewohnt. Doch kaum war die Kippe entbrannt, kam dieser ominöse Ole schließlich an und schickte mich erstmal mit zwei anderen zu einer Rolltreppe, welche den einzigen Weg in die Konzerträumlichkeiten  bildete. „Ihr passt hier auf, das nur Musiker und Leute die bezahlt haben reinkommen.“ Auf meine Frage, woran man die denn erkennen könne, sagte er, das sei doch klar: „Die Musiker tragen Musikinstrumente.“ Aha. Drückt mir noch ein Security-T-Shirt in die Hand und beugt weiteren Fragen vor, indem er wie ein Wiesel schon die Rolltreppe hoch und meinen Blicken entschwindet. Die ersten 50 Leute hatten vermutlich Glück. Getreu dem Motto, „Kiste in der Hand – Eintritt frei“ kamen sie unkontrolliert durch die Schranken meines Adlerblicks, bis mein Kollege, nennen wir ihn mal „den Aufmerksamen“ mich darauf hinwies, ich müsse doch sehen das die Hälfte da gar keine Eintrittskarten hätten. Gut gut.

Die nächsten anderthalb Stunden war mein Job ernst-blickend die potentiellen Erschleicher des Wegzolls zu mustern, hin und wieder dümmlich lächelnd zu nicken und ab und zu jemanden darauf aufmerksam zu machen das ich nicht die geringste Ahnung hätte wo die-und-die Band spielen/sich zu melden hätte. Dann plötzlich gab es einen grade zu gigantischen Aufmarsch von Zuschauern und Musikern, welche sich in die kleine Vorhalle drängten. Da tauchte nun auch Ole wieder auf, welcher hektisch die Situation erfasste und uns schließlich anwies, alle, welche auch nur irgendwie nach Musiker aussahen passieren zu lassen. Auch ohne irgendwelche Eintrittskarten oder Stage-Pässe. Für uns reduzierte das die Arbeit auf bloßes Rum-stehen. Wäre nicht mein etwas dicker Kopf vom vorigen Abend gewesen, ich hätte mich wirklich an diese Art von Arbeit gewöhnen können. Doch merkte wohl auch Ole endlich die Sinnlosigkeit unseres Tuns, befahl also ihm zu folgen und verteilte uns auf die verschiedenen Neben-Bühnen, wo nun die ersten Gigs begannen. „Passt auf, dass die Notausgänge frei bleiben.“ sprach er, „Aber am wichtigsten ist, dass keiner seine Kippen auf dem Teppich ausdrückt!“ und schwand. Also gut, fassen wir mal zusammen: Ich stehe an der Hard-Rock-Metal-Bühne mit ca. 200 Musikern und Zuschauern davor und soll aufpassen, dass keiner von dennen auch nur eine Kippe nicht in den Aschenbecher schmeißt. Das Vorgehen ist schnell entschieden: Ich stelle mich in eine Ecke, von der aus ich beide Notausgänge im Blick hab und lasse das völlig sinnlose Unterfangen den Leuten auf ihre Finger zu schauen erstmal außer Acht. Die paar Leute die es sich bei den Türen gemütlich gemacht haben sind schnell verjagt und die Gittarenkoffen fix zur Seite geschoben, da kommt mir ein Gedanke, der mir gar nicht gefällt: Wie viel kostet eigentlich das Parkhaus? Ich stand da zwar erst drei Stunden, aber man weiß ja nie. Also gehts los, Ole suchen. Sinnlos. Schnell zur Kasse gerannt und da „abgemeldet“ und dann zum Parkhaus gesprintet, erwartet mich ein irgendwie hinterhältig aussehender Automat der, als ich den Parkschein rein stecke, eine dicke, böse grinsende 8 anleuchtet… Der Blick ins Portmonee verheißt auch nix gutes: Genau 7,80 Euro. Na geil! Also wird der nächste Musiker angeschnorrt, der zum Glück sehr hilfsbereit ist, der Scheiss bezahlt und erstmal durch die halbe Innenstadt geheizt um nen neuen Parkplatz zu finden. 20 Minuten später und ca. 2 km weiter werd ich endlich fündig, renn wieder zurück und bin grade rechtzeitig da, um einige ungehobelte Jugendliche bei den Notausgängen des Platzes zu verweisen. Was für ein Tag.

Die nächsten 5 Stunden vergehen nun mehr oder weniger gewohnt qualvoll. Spätestens nach dem 100. Auftritt einer föhnfrisierten Band schwöre ich mir von nun an jeden „Hard“-Rocker zu killen, welcher mir nach diesem Tag die Ohren voll jammert. Da freut man sich schon, wenn mal eine Band schneller ist als „ganz langsam“. Die vollgerauchte, dunstige Luft und die drückende Hitze machen es da einem auch nicht leichter. Um genau 16.23 Uhr geht mein Tabakvorrat zur Neige, was mein Wohlbefinden nicht sonderlich steigert. Dank der grade zu perversen Park-Gebühr kann ich mir natürlich auch nichts Neues kaufen. Supi. Wäre ich beim Auto nicht so geistesgegenwärtig gewesen und hätte mir nicht das tags zuvor erstandene Barnabas-Fanzine mitgebracht (Danke an die Macher! Ich hab es ca. 5x gelesen!), wäre ich wohl verblödet.

Um ca. 18.20 Uhr ist der Spuk an der Bühne endlich zu Ende. Die Jury zieht sich zu geheimen Beratungen zurück und ich beschließe, dass mir nach fast 8 1/2 Stunden endlich mal mind. ein Bierchen, was zu Essen und eine Pause zu steht. So renn ich also los um irgendjemanden zu finden, der mir sagen kann wo es so was gibt. Vergeblich. Wenn man länger für diesen desorganisierten Verein arbeitet, muss man doch zwangsläufig den Verstand verlieren (oder zumindest elendig verhungern). Irgendwie, vielleicht durch eine höhere Macht, komme ich schließlich in den Backstage-Bereich der Hauptbühne, wo ich endlich fündig werde. Jetzt ist erstmal ne halbe Stunde Fressen angesagt. Einige der hier pausierenden Leute (darunter einer von den Skorpiens aus der Jury, keine Ahnung wie der heißt) werde sich wohl an die Dokumentarfilme über die Steinzeit erinnert haben. Missbilligende Seitenblicke ignorierend werden so die Brötchenbleche und Kartoffelsalat-Schüsseln geplündert. So gut gings mir den ganzen Tach noch nicht.

Die Realität jedoch holt mich schnell wieder ein. Schnell noch´n Bierchen geschnappt werd ich, im Schlepptau von Ole, fix zur Hauptbühne verfrachtet, wo ich die wilden Horden skrupelloser Fans davon abhalten soll, die Bühne zu entern und die Musiker bei ihrem Tun zu stören. Grausam. Den Würgereiz grade noch unterdrückend halte ich die Stellung und wehre mit letzter Kraft diverse Gefahren wie böse Blicke oder schlechten Atem von den Künstlern ab. Es scheint dass meine Einschüchterungstaktik wirkt, denn die gesamten drei Stunden traut sich keiner der Zuschauer auch nur in die Nähe der Bühne.

Ein Blick auf die Uhr zeigt mir dass es nur noch eine Stunde bis zum erlösenden Ende meiner Arbeitszeit ist, da kommt Ole wieder zurück. Ich soll mithelfen die Preise auf die Bühne zu tragen. Jegliche Bedenken meinerseits, es wäre nicht mein Job, hier irgendetwas aufzubauen, schlage ich mir, froh dass ich nicht mehr wie ein Blöder völlig sinnlos an der Seite der Bühne hocken muss aus dem Kopf.

Bei der Schatzkammer angekommen, fehlt erstmal der Schlüssel. Ich nutze die Gelegenheit um mal zu erfragen, wie das den mit der Bezahlung wäre, damit ich denn auch pünktlich nach Hause könne. „Wie nach Hause? Hier geht keiner nach Hause bis alles abgebaut ist“ bekomme ich als überraschende Antwort vom Ole. Mein vorsichtiger Einwand, ich wäre eigentlich nur bis 24 Uhr engagiert und so wie so völlig unterbezahlt, bringen keinerlei Reaktionen zum Vorschein. „Ich werd mich mal erkundigen, wenn ich Zeit habe. Jetzt ist erstmal Siegerehrung.“. So was hört man gerne um 23.45 Uhr. Die Siegerehrung ist natürlich etwas besonderes, so fällt es mir nicht ganz so schwer noch ein wenig zu warten. Ein wenig.

Als ich Ole das nächste Mal sehe, läuft das ganze aber ein wenig anders ab. Auf mein vorsichtiges Fragen, ob schon was raus sei, bekomme ich ein wütendes „Ich weiß nichts davon das du gehen kannst.“ Ein aufkommender Widerspruch wird sofort unterbunden in dem das, mittlerweile zur Schlange mutierten, Ole mich wütend angiftet, wenn ich jetzt gehen würde, bekomm ich kein Geld. Bamm. Mir fehlen die Worte. Nun steh ich hier seit 14 Stunden, zähle selbige seit 12 Stunden und nun sagt mir einer ich bekomme kein Geld, wenn ich pünktlich Feierabend mache. Mich beschleicht unwillkürlich das Gefühl, dass ich es hier mit einem verrückten Psychopaten, welche zusätzlich noch Choleriker ist, zu tun habe. Wie soll man auf so etwas reagieren? Ich versuch es weiterhin mit Höflichkeit. Lieber etwas vorsichtiger als am Ende mit leeren Händen. Erstmal ein Bierchen zur Beruhigung gezischt. Gearbeitet wird auf alle Fälle nicht mehr. Da die nun kommende Siegerehrung jeden Gedanken an ein Treffen mit Ole eh aussichtslos erscheinen lässt, pack ich mich erstmal auf die Zuschauerplätze und kuck mir den ganzen Scheiss an… so denke ich mir zumindest. Einer der anderen Mitarbeiter, welcher zuvor meinen Platz an der Bühne eingenommen hatte sieht mich, ruft mir schnell zu, ich solle doch bitte mal kurz aufpassen und ist schon wech, bevor ich auch nur irgendetwas erwidern kann. Wenn ich hier schon rumhocke, kann ich auch kurz aufpassen, sag ich mir und setz mich in die erste Reihe. Scheinbar wird „kurz“ beim Deutschen Musiker Verband etwas anders definiert, denn erst eine geschlagene halbe Stunde später kommt der Kerl wieder. Die Siegerehrung ist vorbei, mein Bier geleert und ich inzwischen tierisch sauer. Keine guten Vorraussetzungen höfflich zu bleiben. So stampf ich, die Backstage-Tür halb auftretend zurück, und renn schon ins nächste Problem rein. Ole finde ich bei der „Schatzkammer“, will ihn grade zu Rede stellen, als einige etwas verunsichert wirkende Musiker ankommen und ihre leeren Preiskisten vorzeigen. Ich sehe mich schon, wie ich mir irgendwo nen Schlafplatz zwischen den Zuschauersitzen suchen, als Oles Blick kurz auf mich fällt. Das Bild verblasst und an seiner Stelle tritt ein tückischer Ole, der mich verdächtigt die Sachen geklaut zu haben. Nun, ich hatte zwar schon mehrfach überlegt auf die Bühne zu springen und ein paar von den Preis-Gitarren im Wert von ca. 1000 Eure auf dem Kopf von Ole zu zertrümmern, aber bei der Arbeit etwas klauen, würde mir niemals auch nur ansatzweise einfallen. Nun, der Blick wandert weiter und etwas Überraschendes passiert: Ole schiebt die Kisten in die Schatzkammer, erklärt den Musikern, sie bekamen ihre Preise auf alle Fälle und verschiebt die ganze Sucherei/Diebesforschung einfach auf den nächsten Tag.

Ich will natürlich die plötzliche Ruhe des Psychos nutzen und spreche ihn, ihm in den Essraum folgend noch einmal auf mein Geld an. Doch, wie sollte es anders sein, werde ich wieder unterbrochen. Ein Rucksack wurde gefunden. Ole kuckt, ob irgendwo eine Adresse drin ist und reicht mir schließlich den Rucksack, ich soll den zumachen. Meine Geduld ist nun endgültig verschwunden. „Ich werde hier den Teuf…!“ fang ich an, aber Ole kommt mir wieder zuvor: „Mach das Ding zu, oder du bekommst kein Geld!“ motzt er mit der arrogantesten Stimme die ich bis dahin gehört hab. Schon halb ausholend um dem Kerl die Nase zu Brei zu hauen, besinne ich mich noch ein letztes Mal und sage: „Ich wurde gebeten hier aus zu helfen. Gebeten! Ich bin jetzt schon seit 16 Stunden hier, abgemacht waren 14. Ich will jetzt nur noch mein Geld und dann nach Hause!“. Er kuckt mich an, als wäre ich nicht bei Trost. Nicht grade beruhigender für mein Gemüt. „Du bis das materialistischste Arschloch, das mir je unter gekommen ist! Wir machen das hier fast alle ehrenamtlich!“ platzt es aus ihm raus. Ich denke nur noch das das wohl nicht wahr sein kein. Ich? Materialistisch? Bei mittlerweile 2 Euro pro Stunde? Meine Hand wandert zu einer leeren Bierflasche und mein Blick zu Ole Gesicht, als er wutschnaubend eine seiner Schergen anblökt, sie solle sofort ne Quittung fertig machen und  damit man „dem Kerl endlich sein Geld“ geben könne, den er „am liebsten nie engagiert“ hätte.

Mit aller letzter Beherrschung kritzel ich noch irgendwas auf die Zettel, reiß Ole die 50 Tacken aus der Hand und will mich endlich aus diesem stinkenden Pfuhl verpissen, ich Oles Stimme höre: „Zieh das T-Shirt aus! Das gehört nicht dir!“. Ich reiß mir die plötzlich ekelhafte Uniform vom Bauch, überlege noch kurz drauf zu scheissen, lass es einmal durch den Raum fliegen, ziele mit dem Security-Ausweis nach Oles Kopf, verfehle ihn nur knapp und gehe, sämtliche Türen knallend raus.

So sauer war ich bis her noch nie. Das bekommen draußen erstmal ein Mülleimer und diverse Wände zu spüren. Kein Stück beruhigt hol ich mir erstmal Kippen und fahr nach Haus.

Die Moral von der Geschicht: Wenn du jemals ein Angebot bekommst, beim Deutschen Musiker Verband zu arbeiten, dann lass es lieber! Ich empfehle außerdem diesen Chaoten aus dem Weg zu gehen. Is zwar war, dass sie ne Menge für unbekanntere Bands tun, aber irgendwo ist auch mal Schluss! Und berühmt wird man durch die auch nicht. Achso: Falls jetzt jemand auf die Idee kommt, in meiner Nähe Hardrock an zu machen, sollte gewarnt sein und sollte damit rechnen seinen CD-Player in Richtung Fenster fliegen zu sehen.

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