Die Frommestraße in Lüneburg

Es ist jetzt knapp zwei Jahre her, dass das Haus Nummer 4 in der Frommestraße in Lüneburg geräumt wurde. Im Gedenken daran folgt hier der Bericht und das Interview mit einem Bewohner, der in Akrox Nummer 7 erschien.

Wenn ich an die Frommestraße denke, fällt mir immer der Geruch vom Rauch eines Feuers ein. Ob nun ein Lagerfeuer im Garten hinterm Haus oder wenn vorne bei den vier Garagen die Feuertonne entzündet wurde. Ich erinnere mich an den Abend vor der Räumung von Haus Nummer 2, auch einfach „Fromme 2“ genannt. Ich saß auf mit einem Bierchen auf einer Bank vor dem Haus und beobachtete das Treiben auf der Straße und im Garten. Fromme 2 war einige Wochen zuvor besetzt worden (zumindest offiziell, genutzt wurde das leer stehende Haus schon einige Jahre). Viele Menschen hatten im Garten Zelte aufgebaut und wohnten dort den Sommer über. Es war ein warmer Juniabend und Insekten zogen ihre Bahnen durch den üppig bepflanzten, grünen und bunten Garten. An der Straße jamten Menschen auf bunt zusammen gewürfelten Instrumenten. Einer sang ein ruhiges, fast trauriges Lied. Aus anderen Richtungen hörte man Menschen lachen.

Direkt um die Ecke hatten sie eine Küche neben das Haus gebaut, wo Nahrungsspenden für die VoKü gesammelt und zubereitet wurden. Ein Mensch wuselte dort hin und her, voll in seinem Element. Ich weiß nicht mehr seinen Namen, aber eine Freundin sagte mir, dass er ne ziemliche arme Sau war. Er hatte bisher nicht auf der Sonnenseite des Lebens gewohnt und viel durchgemacht. Aber hier hatte er endlich die Gelegenheit einen guten Beitrag zu leisten und man sah ihm an, wie er dort aufblühte.

Auf der anderen Seite des Hauses hatte Jens seinen Tee-Tempel errichtet. Eigentlich war es eine Art Speermüllsammlung die von oben bis unten mit allen möglichen Sachen behangen war, vom Plüsch-Alf zum Verkehrsschild. Eine Wand voll Dinge die das Auge tränen ließen. Dort pflegte Jens den Tag über zu sitzen und lud jeden Menschen der da des Weges kam zu nem Tee und Klönschnack ein.

Wegen der Senkung war die Frommestraße einige Monate zuvor für den Straßenverkehr gesperrt worden. So wurde der von den Menschen genutzte Bereich bis in den Park auf der gegenüberliegenden Seite ausgeweitet. Es wurde gespielt, gelernt, musiziert, geschlafen und gepicknickt, was das Zeug hielt. Der Lüneburger Jugger-Verein trainierte dort, nachdem die Stadt, oder wer auch immer, ihnen die Nutzung des Sportplatzes verwehrte. Hier pulsierte das Leben auf eine kreative Art, wie ich es vorher nur selten erlebt hab – und es war im Grunde eine ganz normale Wohnviertelstraße. Theoretisch zumindest.

Als mein Bierchen leer war stand ich auf und ging zum Ende der Straße zu Eberhard, dem „Kiosk am Platz“ könnte man sagen. Auf dem etwa 200 Meter langen Weg blieb ich mehrmals stehen um mit Bekannten zu schnacken, die dort auf der Mauer vor der Fromme 4 saßen oder mir entgegen kamen. Es war ein schöner Abend und kaum jemand war drinnen. Es lag auch eine gewisse Spannung in der Luft. Wieder voller Kreativität. Wegen der Räumung waren viele Plena abgehalten, viel war diskutiert und geplant, sich Mut zugesprochen und auch auf produktive Weise gestritten worden. Doch nun war alles gesagt. Nun hieß es abwarten, bei Jens Tee trinken und die letzten Stunden genießen. In meinem Fall noch ein Bierchen trinken und der Musik lauschen.

Irgendwann musste ich dann doch pennen gehen, es war Dienstag und den nächsten Tag hieß es wieder früh zur Maloche nach Hamburg. Erst nach langer Zeit konnte ich schlafen, mit einem Gefühl von Trauer wegen der Räumung und auch einer Menge Wohlsein nach dem letzten schönen Abend in der Fromme 2.
Als ich am nächsten Morgen das Haus 4 verließ, wo ich die Nacht verbracht hatte, geriet ich schon direkt in eine Bullenkette. Unser Freund und Helfer war mit einer Hundertschaft in voller Kampfmontur angerückt, bereit sich den Weg zum Haus frei zu knüppeln. Voller Wut musste ich den Ort des Geschehens verlassen und zur Arbeit fahren. Die Räumung verlief dann schnell und ruppig und schon am selben Tage begannen Arbeiter damit das Dach abzutragen. Wenige Tage später war vom Haus und Garten nur noch eine Schuttgrube übrig. Die Besetzer zogen mit ihren Zelten in den Park, wo sie zunächst geduldet wurden, aber je näher der Herbst rückte, desto weniger Zelte standen dort, bis es irgendwann nur noch ein Infopavillon war. Nach einiger Zeit verschwand auch dieser.

Jens wohnte noch lange Zeit im Park, lud jeden zu Tee ein und versuchte mit den anderen das „Lager“ zu organisieren, Der Typ aus der Küche verschwand aus meinem Umfeld. Keine Ahnung was mit ihm geschehen ist. Für den Rest der Frommestraße ging der Alltag. Investor und Besitzer Sallier versuchte weiter die Menschen vor die Tür zu setzen und die Menschen leisteten weiter kreativ Widerstand. Bis es, knapp ein Jahr später zur zweiten Räumung in der Frommestraße kommen sollte.

Dieses Mal war die Fromme 5 an der Reihe. Im Gegensatz zur 4 war das Haus nicht für die Senkung saniert worden und die Stadt sah eine Gefahr für sowohl Leib und Leben der BewohnerInnen, als auch für den eigenen Geldsack. Der Besitzer hatte sich rechtzeitig davon gemacht, irgendwo nach Südamerika – Klischee! – und so sahen sich die Regierenden in der Pflicht das Haus kurzfristig zu räumen. Wieder war ich am Abend vorher dort, wieder musste ich am nächsten Tag zur Arbeit und wieder waren die Bullen das erste was ich sah, als ich das Haus verließ. Am Abend zuvor war das Haus zur Abrissparty und Besichtung für alle geöffnet worden. Vor der 5 standen Möbel und Kisten mit voller Sachen zum Mitnehmen für alle. Innen war alles ausgeräumt was nicht mehr brauchbar war. In einem der oberen Stockwerke lief Musik und die Stimmen der feiernden Menschen drangen durch das ansonsten geisterhafte Haus. Ich sah nur kurz in das Erdgeschoss und ging dann schnell wieder raus. der Anblick deprimierte mich und ich hatte das Gefühl in eine fremde Wohnung einzudringen. Kurz danach verabschiedete ich mich ins Bett.

Die Räumung verlief offenbar friedlich. Nur wenige Bullen waren dort und diesmal nicht wie für den Krieg gerüstet. Dafür flossen Tränen. Das Haus war bis zum Tag zuvor noch von Menschen bewohnt gewesen und vielen tat es verständlicherweise weh zu sehen, wie Türen und Fenster von innen mit Holzplatten verbarrikadiert wurden. Alles unter den Augen einiger hochrangiger Politiker Lüneburgs. Unter ihnen auch Oberbürgermeister Mädge, der noch ein paar Sprüche für die Presse parat hatte. Die Leute aus der Fromme 5 hatten von der Stadt offiziell Hilfe für ihre Wohnungssuche versprochen bekommen. Allerdings war das nur ein Lippenbekenntnis dem kaum Taten folgten. Einige Bewohner mit denen ich sprach wohnten noch Monate später auf den Sofas verschiedener WGs. Halbobdachlos. Dasselbe Versprechen sollte dann auch den Menschen aus der Frommestraße 4 gegeben werden, ebenso folgenlos, nachdem sie einige Monate später den Termin für ihre Zwangsräumung in den Briefkästen fanden.

Ich schrieb diesen Text am Abend der Räumung der Frommestraße 4 (am 12.11.2012), während einer Reise durch Südafrika. Zunächst mal fühlte ich mich an dem Tag geschockt, dass die Räumung nach so langer Zeit des Widerstandes tatsächlich passiert war. Außerdem war ich wütend auf die Verantwortlichen und traurig, dass ich selbst nicht da war. Unter dem Einfluss hab ich einfach mal losgeschrieben und so liest sich das wohl auch. Einfach noch abgetippt und nicht mehr geändert. Damit ihr trotzdem noch ein paar Infos bekommt, was in der Frommestraße los war und wie die Räumung der Hausnummer 4 gelaufen ist, hab ich einen langjährigen Bewohner gebeten ein paar Fragen beantworten.

Kannst du erst mal beschreiben, wie es war in der Frommestraße zu leben? Was hat die Straße so besonders gemacht? Wie lange hast du dort gelebt?

Die beiden abgerissenen Häuser sind seit Jahrzehnten überwiegend von WG’s mit zum Teil langjährigen Besetzungen bewohnt worden. Ich selber hab dort 8 Jahre gewohnt, und insgesamt war es doch ein sehr familiärer Charakter mit wohnungsübergreifenden Beziehungen, sehr gemütlich und kuschelig. Für Lüneburgs Innenstadtlage wehte ein ungewöhnlich libertärer Geist durch die Häuser. Der hat sich jetzt in viele Stadteile zerteilt, Bezüge sind auseinander gerissen worden. Wut und Endtäuschung überwiegen noch, aber es besteht doch noch die ein oder andere kleine Chance das etwas Neues entsteht. Dazu bräuchte es aber gemeinschaftstauglichen Wohnraum – in Lüneburg sehr schwer zu finden.

Wer ist Sallier und was hat er mit der Frommestraße zu tun?

Sallier ist der zweitgrößte Immohai in Lüneburg, millionenschwer und Großgrundbesitzer. Der kriegt nicht genug, und will sich schon seit 2007 ein neues Bürogebäude in der Frommestraße bauen, nachdem sein altes langsam den Geist aufgibt – Lüneburg ist Senkungsgebiet, nicht nur in der Frommestraße.

Wie steckt die Stadt Lüneburg in der ganzen Sache?

Die Stadt hat das Neubauvorhaben von Anfang an forciert und versucht das gegen alle (auch bürgerlichen) Bedenken durchzudrücken. Die Gegner des Neubauvorhabens waren doch überraschend breit über alle Einwohnerschichten verteilt.

Welche Versuche euch raus zu bekommen (Kündigungen, Einstellung aller Erhaltungsmaßnahmen,…) gab es und wie habt ihr reagiert? Wie erfolgreich wart ihr?

Zuerst wurden Sanierungsmaßnahmen verschleppt, dann von uns die Mieten gekürzt, daraufhin erste Kündigungsdrohungen, dann insgesamt 4 Kündigungen gegen die wir juristisch angegangen sind – erfolgreich – inzwischen hat Sallier seine Berufung zurückgezogen, wir haben immer noch gültige Mietverträge, obwohl die Häuser schon abgerissen sind. Es wird wohl auf Schadensersatz rauslaufen – aber dadurch wird die Verdrängung der Szene auch nicht wieder rückgängig gemacht.

Sag mal was zur BI Frommebastion. Wer ist das und was machen die?

Die B.I. hat sich aus Bewohnern, Anwohnern, Freunden und anderen Interessierten zusammengesetzt. Ziel war von Anfang an das Viertel mit seinen Bewohnerinnen zu erhalten und den Neubau zu verhindern. Das hat über 4 Jahre auch gut funktioniert – bis zum Schluss gab es immer wieder viele Unterstützerinnen – von den ersten Mahnwachen, Demos und der Besetzung der Fromme 2 und zum Schluss der Verbarrikadierung der Fromme 4 und der mehrstündigen Verhinderung der Räumung am 12.November 2012.

Wie war es für euch dann letzen Sommer den Zwangsräumungsbescheid zu bekommen?

Insgeheim war uns immer klar, dass wir am kürzeren Hebel sitzen, aber den haben wir auch konsequent angesetzt. Das es eine Frage der Zeit ist, dessen waren wir uns bewusst, aber wir hatten doch noch gehofft, dass wir dem Gutachten das von 8 Jahren Bewohnbarkeit sprach, noch zur Geltung verhelfen könnten. Die Reaktionen waren bei uns aber auch sehr unterschiedlich, von Frustration über notorisches Ausblenden, bis hin zum Aktionismus und Kreativitätsschub war alles dabei.

Es gab ja vielfältige Aktionen in den letzten Wochen vor der Räumung. Kannst du dazu was erzählen?

Es gab über 4 Jahre vielfältige Aktionen, oft von uns organisiert – aber immer wieder auch dezentral von Unterstützerinnen, z.B. Mahnwachen vor dem Rathaus, Aktionen in der Fußgängerzone, Unterschriftensammlungen, Infoveranstaltungen, Unterbrechung von Ratssitzungen, dutzende Leserbriefe – und auch die ein oder andere Nacht- und Nebelaktion. Klar wünscht man sich immer mehr Unterstützung, aber über die Jahre haben sich doch immer wieder viele Menschen mit uns solidarisiert.

Am 12.11. wurde dann ja geräumt. Wie lief das ab und wie lief der Widerstand?

Der Einsatz war der vierte große Polizeieinsatz in vier Jahren. Diesmal waren wir nicht ganz unvorbereitet, zumal die Räumung ja zum Schluss noch mal um eine Woche und dann noch mal um drei Tage verschoben wurde. Im Haus wurde quasi bis zur letzten Minute gearbeitet um es den Einsatzkräften so schwer wie möglich zu machen. Die letzten drei Tage wurde rund um die Uhr gewerkelt. Die Wochen davor wurde Material rangeschafft, und Konzepte entwickelt. Klar geht das nicht ohne Reibungsverluste, aber dass wir uns nicht heillos zerstritten haben rechne ich allen Beteiligten hoch an – es gab doch durchaus unterschiedliche Vorstellungen des Widerstandes. Wir haben hart daran gearbeitet so viel wie geht möglich zu machen. Zuletzt hat dann doch fast jeder eine Widerstandsform gefunden. Das reichte von kleinen Straßenbarrikaden über Mahnwache, handwerkliche, kulinarische oder musikalische Unterstützung, bis zur aktiven Besetzung und dem Widersetzen der Räumung.

Wie hast du dich dabei/danach gefühlt?

Naja wie man sich halt nach einem Kraftakt fühlt. Wir haben ja nicht nur den Widerstand organisiert, sondern nebenbei auch noch Wohnungen gesucht, Umzüge gemacht und unseren verschiedenen Verpflichtungen nachgegangen. Danach war bei vielen erst mal die Luft raus. Das muss ja auch erst mal alles realisiert werden, was da in den letzten Tagen passiert ist. Und damit mein ich nicht nur die Repressionen und die Räumung, sondern auch die soziale Dynamik war einfach der Hammer, was da viele Leute in letzter Minute auf die Beine gestellt haben. Ich persönlich war ein bisschen zerrissen zwischen Niederlage eingestehen und Verwunderung was unsere Leute alles geschafft haben.

Wie und wo wohnst du nun? Weißt du wie es den anderen Menschen aus dem Haus ergangen ist?

Viele haben erst mal Zwischenlösungen bezogen und zum Teil suchen welche immer noch Wohnungen. Ich bin erstmal mit zwei von unseren Leuten zusammengezogen – aber der Wunsch nach größeren Zusammenhängen ist noch vorhanden. Wer den Wohnungsmarkt in Lüneburg kennt, weiß wie schwierig es ist in Stadtnähe große bezahlbare Wohnungen zu finden – das nähert sich langsam aber sicher Hamburger Verhältnissen an.

Die Frommestraße ist ja nur einer von mehreren bedrohten Orten in Lüneburg. Außerdem sieht man überall steigende Mieten und kaum soziale Wohnprojekte/orte in Sicht. Wie geht es weiter mit Lüneburg? Und wie mit dem Widerstand/Recht auf Stadt Bewegung?

Diese Entwicklung wird von den Stadtoberen definitiv forciert, Ziel ist wohlhabende Hamburger anzuziehen, was ja auch gelingt. Die Gentrifizierung ist Programm – schließlich wächst Lüneburg im Gegensatz zu anderen Städten, das soll natürlich genutzt werden um die Stadt aufzuwerten – in monetärer Hinsicht. Was dabei alles an Kultur und Lebenszusammenhängen den Bach runtergeht, davon können inzwischen nicht nur Großstädter ein Lied singen. Wie sich die Gegenbewegung organisiert, muss man abwarten, bei uns müssen sich viele erst mal neu sortieren – aber die Wut ist immer noch groß. Inzwischen regen sich auch an anderen Stellen Bewohnerinnen die von ihren Vermietern als Investitionsobjekte missbraucht werden. Gerade in letzter Zeit wurden viele Missstände bekannt, gerade in Randlagen, wo vermeintlich wenig Organisationspotential besteht. Jetzt versucht sich die Stadt mit Lippenbekenntnissen ihren schlechten Ruf aufzubessern, dass bewirkt aber oft das Gegenteil, und die Unzufriedenheit steigt nur noch – und hoffentlich auch der Druck.

Mehr Infos:
Frommestraßen Timeline
Fromme Bleibt!
B.I. FrommeBastion

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