Mutabor Interview

Wer die Platten-Reviews in der letzten Ausgabe gelesen hatte, merkte vermutlich, dass ich an dem vorangegangenen Album Individuum von Mutabor erheblichen Gefallen fand. Das ist zwar schon 5 Jahre her, aber die Scheibe gehört immer noch zu meinen geheimen Heiligtümern. Aus verschiedenen Grünen kam ich aber leider nie dazu die Band mal Live und in Farbe sehen zu können, was sich aber am 12.11.2010 ändern sollte. Kaum hatte ich die Karte in der Hand schieb ich auch schon dem Sänger Axel, ob man den Tag nicht gleich mit einem Interview gebührend feiern könnte. Prompt kam die positive Antwort und so stand ich am besagten Tag gut vorbereitet rechtzeitig vor dem Konzi in der Hamburger Fabrik. Heute konnten mir selbst die unverschämt hohen Bierpreise dieses Ladens nicht mehr die Stimmung vermiesen (vor allem auch, weil ich durch den Hintereingang reinkam – Leider wollte aber niemand mehr meine, noch gültige, Karte haben…).
Eigentlich hatte ich geplant die ganze Band mit gut sortierten Fragen zu interviewen. Da aber durch einen etwas längeren Soundcheck die Zeit ein wenig knapp wurde, standen mir nur Sänger Axel, Drummer Ulf und Gittarist Daniel im gekürzten Rahmen Rede und Antwort.

Bandfoto Mutabor
Mutabor (© mutabornet.de)

Micha: Euch gibt’s ja nun auch schon bald 20 Jahre. In meiner alten Band hatte sich schon in der Hälfte der Zeit so einiges getan. Was hat sich bei euch im Laufe der Zeit verändert, was verbindet euch noch mit 1991?

Axel: Ja, es hat sich sehr viel verändert. Wir haben angefangen mit Musik aus nem Buch namens Der schräge Turm. Das waren so ein bisschen alt-deutsche Lieder. Solche Geschichten wie Lump kommen noch daher. Die haben wir dann umgedichtet, ein bisschen Anarchie rein gebracht. Musikalisch kam dann Punk dazu und Polka, was ja auch schon etwas folkloristisches ist. Das war die erste Platte und danach wollten wir aber auch weitergehen. Wir haben uns nie in einer bestimmten Schublade gesehen wo man uns oft gerne drin haben wollte. Zum Beispiel Folk-Punk oder Ritterrock und so.

Micha: Ritterrock?

Axel: Ja, es gibt ja solche Band, die da von Tod und Teufel singen und so mittelalterlichen Themen aufgreifen. Das halt nicht so unser Ding. Wir haben das halt immer eher so brüchig drin gehabt. Zum Beispiel hatten wir danach ein Album, das hieß Jaja, das war halt mehr Pop-Punkrock, so zu sagen. Das waren dann wieder ganz andere Sachen, wo einige Leute dann sicherlich gedacht haben: „Huch! Die sind ja doch noch was anderes.“  Das hat sich aber auch etabliert. Viele Songs, auch von jedem Album, haben die Leute gerne. Wir haben halt über die Zeit unseren eigenen Kosmos, unser eigenes musikalisches Universum entwickelt. Wir probieren jetzt nicht mehr neue Stile da mit einzubringen. Wir haben halt unsere Grenzen gefunden und darin bewegen wir uns, wollen dabei aber auch unseren eigenen Weg finden. Das ist unser Ausgangspunkt. Wenn jetzt ein neues Album entsteht, wie jetzt grade, da ist dann halt auch ne neue Besetzung und dann entsteht es eben auch aus dieser Besetzung heraus. Da sind dann auch die Einflüsse der Leute die mit einfließen. Ich bring halt die Lieder, aber wir instrumentieren das gemeinsam.

Micha: Das sind ja jetzt vor allem musikalische Dinge, die sich verändern. Was ich eben auch immer interessant finde, ist wie der Weg von der kleinen Vorband zum Headliner läuft. Jetzt spielt ihr anscheinend ne Tour ganz ohne Vorband. Wie ist das so für euch?

Daniel: Nee, es gibt schon Konzerte mit Support. Aber öfter ohne.

Axel: Das hat sich stetig entwickelt und das ist ja auch ein wichtiger Prozess. Sonst würde es uns als Band wohl auch nicht mehr geben. Wir haben Ecken wo wir halt vor 2000 Leute spielen. Berlin oder so. Das hat sich aber auch herausgebildet, weil wir in den Gegenden eben auch viel gespielt haben. Und es entwickelt sich weiter. Man erreicht ja auch immer neue Leute in einem bestimmten Alter. Das sind halt meistes Leute von 16 bis Mitte 20, die auf die Musik stehen und zu den Konzerten gehen. Die Alten kommen natürlich auch mal wieder. Wir haben es zum Glück geschafft als Live-Band da existieren zu können

Ulf: Mutabor hat doch auch noch nie eine Supporttour gespielt, oder?

Axel: Nee.

Daniel: Ich glaube, das widerspricht auch der normalen Bandevolution. Aber es waren auch sowieso noch nicht so viele Konzerte als Support. Also auch in der ganzen Bandgeschichte.

Axel: Wir haben mal vor Bad Religion gespielt. Da kann ich mich noch dran erinnern. Aber das war 97 oder 98.

Micha: Ihr habt 2005 diese Lieder werden wahr gemacht und seit mit Fans nach Amsterdam gefahren. Hat das Geld noch für was zu beißen gereicht?

Axel: (lacht) Ja. Wir hatten das ja langfristig geplant, richtig mit Bussen. Das war schon ein richtiges Reiseunternehmen. Makana Tours. Da gab es dann in Amsterdam diese besetzte Halle, die wurde mit Stroh ausgelegt und die Leute konnten ihre Zelte darin aufstellen. Das war richtig großartig und hat auch super hingehauen. Wir waren mit denen drei Tage da und hatten dann auch ein Konzert im Melkweg im Amsterdam.

Ulf: Was auch ein richtig fetter Club ist. Aber wir ja unser 300 Leute im Rücken! Da konnte nix schiefgehen. Da kamen dann noch ein paar Amsterdamer, so 50 noch dazu, oder so. War aber völlig OK.

Hier bricht eine Diskussion aus über die Anzahl der Amsterdamer und die Frage, ob Ulf überhaupt mit dabei war. Es war seine erste Tour, wie sich zum Glück aufklärt, bevor Handgreiflichkeiten beginnen.

Micha: Naja, auf jeden Fall habt ihr ja nun mit Viva Humanidad e.V. ein weiteres Lieder werden wahr gemacht. Worum geht es denn dabei?

Axel: Das ist natürlich ein anderes Thema. Es geht dabei um einen Weltverbesserungs-Song, der  sich darüber auslässt, dass überall so unmenschlich zu geht und sich zwar alle darüber aufregen, aber sich eigentlich doch nichts verändert. Zu erst hab ich diesen Verein gegründet, weil ich ein Äthiopien-Typ bin, weil ich dort mit Schulen in Kontakt gekommen bin und ein Schulpartnerschafts-Sache da aufgebaut hab. Also Schulen in Deutschland machen Aktionen für Schulen in Äthiopien. Das läuft jetzt schon das dritte Jahr.

Micha: Und läuft es gut?

Axel: Ja, es läuft gut. Also es entwickelt sich immer besser. Es kommen immer mehr Sachen dazu. Es läuft mittlerweile nicht mehr nur über Schulen, wir haben auch Musiker, die da mitmachen. Es gibt also ein Netzwerk aus Musikern, die da Benefiz-Veranstaltungen machen. Auch eine Internet-Suchmaschine, Afroo (Anm.: afroo.org) über die wir auch noch Gelder mit reinkriegen. Das wichtige ist halt, wir wollen nicht einfach nur helfen und dieser Almosen-Mentalität frönen, sondern auch den Schülern die Möglichkeit geben diese andere Kultur kennenzulernen und da den Kontakt zu bringen. Also, dieses Lieder werden wahr – Viva la Humanidad heißt ja „Es lebe die Menschlichkeit“ – Ist OK das in so einem Projekt wahr werden zu lassen und da soviel wie möglich Leute zu involvieren. Aber wie gesagt, zuerst kam das Projekt und dann kam das Lied.

Micha: Meine erste Scheibe die ich von euch gehört hab war die Individuum. Die hatte mir der Lars vom punk-island.de damals zugeschickt. Mich hat ja am Anfang erstmal das Cover abgeschreckt und dann war es aber doch ne sehr, sehr geile CD. Nun habt ihr ja wieder ein neues Album, das Blaue (das ich allerdings noch nicht gehört hab…). Wo knüpft ihr denn an bei Individuum, was habt ihr weiterentwickelt? Und seit ihr da in dieser Besetzung alle mit drauf?

Ulf: Ja, bis auf Uta, die Geigerin. Das ist da noch Helen gewesen, die ja auch seit 17, 18 Jahren dabei war.

Daniel: Die Besetzung, die wir grade haben, gibt es seit Ende 2009. Helen hatte, sozusagen, mit der Platte aufgehört. Danach kam halt Uta dazu.

Axel: Zu deiner Frage: Individuum und das Blaue…

Micha: Kann man die irgendwie vergleichen? Ich hatte angefangen eure Snippets aus dem neuen Album zu hören, aber dann dachte ich, nee, letztes Mal war halt jeder Song ne Überraschung und das will ich mir nicht verderben.

Axel: Nee, das ist dieses Mal ein bisschen anders. Wir haben es auch bewusst das Blaue genannt, weil die Songs alle auch „diese Farbe haben“. Wir hatte manche aufgenommen Songs auch extra nicht mit drauf genommen. Es sollte halt so ein… ja, blaues Gefühl erzeugen. Die Herkunft der Songs ist halt so: Erstens so ein bisschen mit dem Himmel, der ja blau ist und wo man halt Freiheit, Grenzenlosigkeit und so weiter assoziiert, dann das andere was blau ist, ist das Meer, welches mehr Unterbewusstsein, Emotionalität und so weiter ausdrückt. Wenn man sich die Songs anhört, lassen sie sich alle in dieses Bild einordnen. Du hast den Himmel, du hast das Meer und du hast halt das Individuum dazwischen, welches versucht da zwischen diesen Elementen seinen Kompass zu finden.

Micha: Also sind es auch schon Themen, die ihr bei Individuum habt?

Axel: Ja, aber bei Individuum ist auch wirklich schon jeder Song ne Überraschung und jetzt ist es so ein Gerüst. Es ist halt eher Knallige-Gitarren-Rockig, halt so eine Rock-Komponente, obwohl das immer wieder gebrochen wird durch Orchestralarrangements, mit Latino-Ausflügen und auch ¾-Takt, wenn man da Folkeinflüsse mit reinbringt. Es hat dabei schon so eine gewisse Melancholie die da mitschwingt. Wir sind halt auch eine Band die Stimmung macht und es ist ja auch ganz wichtig, dass man sich dieser Stimmung auch stellt und dabei seinen positiven Weg findet. Diese Stimmung halt lebt. Und das haben wir mit diesem Album gemacht. Besonderer Beispielsong, der ja auch unsere Single geworden ist, ist da Jamma. Das sagt halt, OK, du kannst jammern, aber wenn du dich diesem Jammern richtig hingibst, kannst auch aus dieser traurigen Stimmung wieder rauskommen. Das man sich aber auch dieser Stimmung richtig hingibt, das auch spürt. Wir hatten da auch noch Songs, die in ne ganz andere Ecke gegangen sind, die hätten aber die Stimmung dann zerstört. Bei Individuum hat das ja davon gelebt, das es die ganzen Stimmungen hat. Das Individuum ist eben mal fröhlich, mal traurig, ist mal Hip, ist mal Hop, ist mal was weiß ich alles. Das Blaue beschreibt halt eine Stimmung.

Micha: Da bin ich auf jeden Fall schon mal gespannt. Eine Sache ist mir noch aufgefallen, dass mehrmals den Satz „Füll dein rosa Schwein, am Ende schlag es ein…“

Axel: Den hast du mehrmals gehört?!

Micha: Ja, einmal bei Individuum – Immer mehr und bei Mutabor – Oberhemd.

Axel: Das war mal in zwei Texten?  Äh… also.. (Allgemeines Gelächter)

Micha: Naja, aber ich fand den Satz und den Sinn dazu ziemlich gut. Man spart und spart und kann es dann halt gar nicht wirklich nutzen, weil’s eh wieder nicht reicht. Muss ja noch nicht mal nur um Geld gehen.

Axel: Ja. Dieses Materielle. Ich mein, was ist das? Du rackerst und machst und füllst da dein Schwein. Dann machst du’s kaputt, kaufst dir was und dann ist es wieder flöten. Ich meine, wofür ist denn das? Das beschreibt halt für mich dieses Bild… Eine andere Geschichte ist da so als Beispiel, so ein Kumpel, der hat sich da so ein neues Auto gekauft und so ganz stolz: „Wow! Ich hab ein Auto!“ Wir sind dann ne Runde drehen, fahren los und er biegt links ab. Hat aber keine Vorfahrt gehabt und da knallt ihm jemand rein. Und sofort war das schöne Auto kaputt! (lacht). Also, was bringt uns das ganze Materielle. Das ist nur sone kurze Freude…

Micha: Ja, ich hab halt jetzt auf meiner Jahresreise nach Australien gemerkt, dass man halt auch aus nem Rucksack leben kann. Mehr braucht man gar nicht wirklich zum Leben.

Axel: Das ist dann vor allem auch das Wichtige. Das ist ja auch so ein bisschen die Krise des Systems.

Daniel: Sonst wird man ja auch nicht Musiker!

Axel: Ja genau. Wenn wir jetzt aufs Materielle aus wären, würden wir wahrscheinlich nicht Musik machen. Und das ist auch das andere, was darin mitschwingt. Das man da auf der Bühne steht und sich verbunden fühlt, durch die Musik, mit den Leuten die da sind. Das ist das Schöne. Und das gibt einem viel mehr und deshalb nimmt man auch einige Strapazen in Kauf. Was sich auch einige Leute gar nicht vorstellen könnten.

Micha: Könnt ihr mittlerweile auch von der Musik leben?

Axel: Naja. Ich schreib halt die Songs und organisiere die Band. Also ich kann davon leben, aber die anderen machen halt noch andere Sachen.

Ulf: Die aber alle auch was mit Musik zu tun haben. Also leben wir schon so gesehen von der Musik. Aber eben nur zum Teil von Mutabor.

Micha: Das ist ja schon ziemlich cool. Ich hatte jetzt hier eigentlich noch ein paar Begriffe aufgeschrieben, zu denen ihr noch was sagen könntet, aber da ihr kaum noch Zeit habt, gibt es jetzt nur noch einen: Force Attack. (Allgemeines Gelächter)

Axel: Ja, da ist das Lied Der Punk ist tot entstanden. Der beschreibt halt so ein bisschen (auch ein kleinwenig das Entsetzen) das Punk so destruktiv geworden ist. Das das halt nur noch Saufen und so wenig politisch ist. Also auf jeden Fall auf dem Festival. Ich will das jetzt nicht über einen Kamm scheren. Auf „diesem“ Festival war das halt für uns, das wir gesagt habe…Äh. Also ich bin mit Jello Biafra, mit Dead Kennedys aufgewachsen und das ist für mich Punk. Mit politischem Hintergrund und Anspruch auch und nicht nur sich hirnlos weg zu saufen. Da wurden auch Bands mit Flaschen beworfen.

Micha: Nagut. Ihr müsst jetzt auf die Bühne. Dann noch mal vielen herzlichen Dank für das Interview!

Axel: Ja, kein Ding.

Webscheiss:
www.mutabornet.de
www.vivahumanidad.com

Kommentare | Kategorie: Artikel, Interviews

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