Punk in der Antarktis

Ja ja, es gibt in der globalisierten Welt mittlerweile viele Berichte, wie z.B. Punks Malaysia, Kolumbien, Vietnam oder sogar in England leben. Wir im Akrox-Hauptquartier haben diese immer gern mit Interesse gelesen, aber Punk ist anders! Und weil Punk anders ist, haben wir es im vergangenem Winter gewagt, die absolut krasseste Expedition ins Punk-Eldorado „Smørikasky Oi“ in der Antarktis zu wagen, um unsere Bekannten Pingou und Schnabel von der Facebook-Gruppe „Arktis-Punx“ für ein Interview zu besuchen, um für euch diesen Reisebericht, von „Anders Lebenden Punx in der Arktis“ niederzuschreiben.

Um die Kosten möglichst gering zu halten und haben wir in Hamburg beim Speicher 17 als Schiffsjungen angeheuert. So sind wir auf dem Containerschiff „Schlapp Santiago“ gegen Arbeit, also quasi „Work and Travel“-mäßig, gegen Kost und Koje mitgefahren. Was wir leider erst im Nachhinein erfahren haben, wurde dieses Schiff noch mit Kohle betrieben. Das war in der Hinsicht scheiße, da wir jeden Tag eine 20 Stunden Schicht, wie auf der Titanic, Kohle am Offen scheffeln mussten. Ohne die Hoffnung, Pingou und Schnabel mal live zu treffen, hätten wir das wohl nie ausgehalten. Und immer dieser Brei, der mit Kohle gestreckt wurde, damit es mehr aussieht…. Aber die Hoffnung sprengt alle Ketten, der tägliche Schmerz machte uns hart und Atomenergie war nie eine Brücke, sondern ein Umweg. Was man als Fanzine-Journalist nicht alles auf sich nimmt, um einen coolen Artikel zu schreiben. Manch einer arbeitet so eifrig für seinen Lebensabend, dass er ihn gar nicht mehr erlebt. Aber so weit sollte es nicht kommen. Nach 4 Wochen Hand gegen Koje, sind wir endlich im Hafen von Kühlungsborn (Arktis) angekommen, natürlich mit einem gewaltigen Jetlag!

Der Hafen war wirklich spärlich besäht. Da gab es nicht viel, außer dem Hafenmeister, sein Büro, ein paar Rotlicht-Eisbärdamen die sich sogleich auf unsere sabbernde Crew gestürzt hat – ja so ist das immer noch bei den Seefahrern, im jedem Hafen eine andere Perle – und dann gab es noch das übliche Starbucks Cafe. Wir hätten da eigentlich noch so eine Pinte erwartet, mit selbstgebrannten Lebertran Schnaps. Aber Zeiten ändern sich wohl nicht nur im heißen Ägypten, Tunesien oder der Türkei, sondern auch in kalten Gegenden. Wir mussten jetzt nur noch unsere Punkrockgenossen Pingou und Schnaps, ähh Schnabel treffen. Micha hatte noch diesen abgegriffenen Zettel mit der Adresse dabei: III. Brücke am Iglou Smørikasky Oi – Antarktis. Das bequemste, wohl aber nicht das günstigste war dann das Taxi, was dort allerdings „Xita“ hieß, zu nehmen. Es hieß nicht nur anders, es war ein Schneeflug mit bunten Lichtern drauf, einer Fräse in Kopfform vorneweg und einem quirligem kleinen Eiskimo (Anm.: Auch wir im Akrox bevorzugen eigentlich den Begriff „Enoeat“) am Steuer, der gar nicht erfreut war, als wir Ihm erzählten, dass wir einen Bericht über die lokale Punkszene schreiben wollten. Deshalb hat er uns wohl noch ein paar Klunker mehr abgenommen (als ob wir nicht gemerkt hätten, dass wir dreimal dieselbe Strecke gefahren sind) bevor wir rausgeschmissen wurden. Er hat uns bei der Fahrt auch noch ordentlich versucht, Angst einzujagen mit Sprüchen wie. „Hier auf dem Eis ist es lebensgefährlich, wenn man sich nicht auskennt. Ein falscher Schritt und das war’s. Dann kannst du dir die Radieschen von unten ansehen.“ Ja ja, wollte damit jetzt den Preis rechtfertigen oder sein Trinkgeld aufbessern? Dabei weiß nicht nur der schlaue Leser, dass es in der Antarktis keine Radieschen gibt… Angekommen würden wir herzlichst und mit ein paar Schlägen in die Fresse, von Pingou und Schnabel, begrüßt und so konnte das Interview beginnen:

Micha: Hey warum habt Ihr das getan?

Pingou: Was?

Micha: Na uns auf die Fresse gehauen?

Schnabel: Na weil man das hier so macht! Es härtet dich ab und das ist cool. Wir sind harte Punks. Die härtesten der Welt! Schau aufs Thermometer, wir haben minus 40 Grad im schatten (Anm.: Es war wirklich Saukalt)

IronieLZ: Hier muss doch auch irgendwo noch das Raumschiff von den Autobots liegen, oder?

Schnabel: Ne hier liegt nichts mehr. Erstens waren das die Megabots und zweitens wurden die alle in Transformers 3 endgültig platt gemacht. Aber es stimmt, zu Zeiten des ersten Teils war hier ne Menge los. Megatron ist ja auch so eine Art Punk.

Micha: Ja genau Punk. Wie ist denn hier so die Szene, außer den verschollenen Megabots?

Pingou: Ja, also ne Zeit lang war das Album „Tschüß Gletscher“ hier voll der Renner… Aber der Yok ist hier leider nie aufgetreten.
Schnabel: Aber wir warn neulich bei einem Gig von den Arktik Punkys. Voll geil
Pingou: Oder weißt du noch, als wir bei Iced Earth waren. Eher so die Metal-Peitsche, aber man nimmt ja mit was kommt.

Micha: Wie hat das denn musikalisch alles so angefangen bei euch?

Schnabel: Ich habe früher mehr so Bands gehört wie Cool and the Gang oder Cool MC. Erst später kamen da coole Punkbands dazu. Angefangen selbst Musik zu machen war dann mit einer selbstgebauten Eistrompete.

IronieLZ: Oh Trompete, wolltest du die Ska-Schiene einschlagen

Schnabel: Nee, Ska läuft hier nicht. Ich habe es auch schnell wieder sein gelassen. Meine Zunge ist immer am Horn festgefroren und so mit Wunden am Mund kann man schlecht Rauchen.

IronieLZ: Was rockt denn hier denn sonst noch so?

Schnabel: Was voll gut kommt is, vors Rathaus in den Schnee zu pissen. So Anarchie Zeichen und so. Das bringt die immer richtig aus dem Iglu. Wegen dem Tourismus und so…
Pingou: Ja die Touris nerven echt, wegen denen steigen hier auch die Iglou-Preise….

Micha: Also gibt es hier auch Gentrifizierung?

Pingou: Keine Ahnung, aber in den Schnee pinkeln hilft. Und wenn wir mal richtig den Nervenkitzel haben wollen, zünden wir ein paar Renntiere an.

IronieLZ: Wie grausam.

Pingou: Natürlich nur die Bonzen-Renntiere mit ihren Luxusschlitten. Renntiere brennen eigentlich auch nicht besonders, da belassen wir’s meist bei den Schlitten. Aber irgendwie muss man ja die neuen Szenebezirke, mit ihren eisglatten Fassaden, aufmischen, damit sich was ändert.

Micha: Ihr habt ja auch einen kleinen lustigen Blog bei Facebook, durch den wir auf euch aufmerksam wurden. Wer schreibt den Scheiß und wie kommt ihr auf so verrückte Ideen wie dem Robben-Pogo?

Schnabel: Wir haben da so einen Think-Tank. Wir nennen Ihn Hank. Der sitzt da in seinem Sessel und raucht seine Eisbong und dann fällt dem so was ein, wenn er nicht vorher einpennt. Einmal hat er was von Währungsreform gefaselt. Anstatt mit Drachme sollten wir alle mit „Oi“ bezahlen. Es wäre doch lustig zu fragen. Ey, hast du mal nen Oiro?

IronieLZ: Noch mal zu den Konzerten. Ihr meintet ja ihr seid die Härtesten. Wie gehen die Punks hier den so ab, also so riesen Circle Pit, Wall of Death und diesen, wie heißt er noch? Robbenpogo?

Pingou: Da hat sich viel verändert in den letzten 20 Jahren. In den 80/90ern gab es viele Invaliden, weil die sich damals auf den Konzerten so mit importierten Holzlatten aus England die Köpfe eingeschlagen haben. „ Holz – der Stoff aus dem die Bäume sind“ war der Schlachtruf. Holz! Bäume gibt es hier ja nicht, da warst du voll angesagt, wenn du ne Keule aus England hattest. Die Szene hat sich dann aber irgendwie selbst zugrunde gerichtet. Wenn nach jedem Konzert nur noch einer steht und die anderen alle mit gespaltenen Köpfen am Boden liegen, ist das ja kein Wunder.

IronieLZ: Ja ne logisch, iss klar. Und wie ging’s dann weiter?

Schnabel: Nach so einer langen Delle in der Punkbewegung, haben sich junge Rebellen so wie wir Anfang des Millenniums emanzipiert. Wir haben erkannt, dass es so nicht weitergehen konnte – trotz der anhaltenden „No Future“ Mentalität. Inspiriert von der Straight Edge Bewegung aber ganz anders, laufen die Konzerte jetzt ab. (Anm.: Micha und ich waren richtig gespannt. Bei den leuchtenden Augen haben wir den Eskimo Hedunismus in Reinkultur vermutet).

Micha: Und wie? Erklär schon!

Pingou: Zu Punkkonzerten verkleiden sich alle Punks als Seerobben. Wenn man rein kommt, legen sich alle mit dem Bauch auf den Boden und die Hände, wie die Robben, mit den Händen hinter den Rücken. Wenn es dann los geht, ist kein halten mehr. Es wird geklatscht und mit den Köpfen zusammengestoßen, bis blutet! Wenn es dann richtig in Gange ist, es richtig laut ist, der vereiste Boden ganz glitschig (von der Temperatur und dem Blut), dann ist das die reine Extase!

Micha: Krass! Wie seid ihr denn darauf gekommen?

Schnabel: Das haben wir uns bei unseren Strassenrobben abgeschaut. Das sind quasi unsere Straßenköter wie bei euch. Die machen bei unserem Pogo natürlich auch mit.
Pingou: Soll ich mal Musik anmachen, dann können wir’s ausprobieren?

IronieLZ: Ähh, nee lass mal. Autsch!
Micha: Autsch!

Am kommenden Morgen, nach ordentlichem delikaten Lebertranschnaps, sind wir mit einem Filmriss und riesen Beulen am Kopf wieder auferstanden. Pingou und Schnabel, die zwei komischen Vögel, die die Grenzen des Hirns der Avantgardisten-Punks sein wollten, waren verschwunden. Wir entschieden uns per Anhalter zurück, am Kaff der guten Hoffnung vorbei, nach Lüneburg zu trampen. Es war einfach zu hart hier!

Kommentare | Kategorie: Artikel, Reportagen

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *