Review-Mat

Wenn du ein paar Jahre lang ein Fanzine machst und auch online mehr oder weniger gut zu finden bist, landest du auf kurz oder lang in diversen Promoter-Listen. Das bedeutet, dass dein E-Mail-Postfach regelmäßig mit folgenden (oder ähnlichen) Mails geflutet wird:

„Hallo liebe Kollegen,
am 01.01.2020 erscheint die/das brandneue Single/Video/Album der Punk/Pop/Rock Legenden [Bandname hier einfügen]. Für unsere Medienpartner steht ab sofort unter XYZ ein Download eines exklusiven Preview-Snippets bereit.
Bitte verbreite diese existenziellen News im Rahmen (all) Deiner Möglichkeiten und halte schon mal dein Cover und den Großteil deiner Zeitung für Features ab Mitte/Ende Oktober 2019 ein.
[Bandname hier einfügen] sind übrigens die Geilsten, weil… Bla bla bla.“


Was mir dabei meist fehlt ist der Link mit dem ich mich aus der Liste austragen kann. Was erwarten die für ihre „Snippets“? Review-Snippets, die mitten im Satz enden? Und ja, ist ja schön für die Band, wenn sie ein neues Video raushauen, aber warum sollte ich jetzt meine Zeit opfern um für die kostenlos die Reklame-Trommel zu ähm… trommeln? Für sowas gibt es doch Facebook.

Anfangs habe ich solche Mails meist noch beantwortet und zum Beispiel versucht zu erklären, dass es sich beim Akrox um ein Punkrock-Fanzine handelt und ich kein Interesse an so gut wie allem andern habe. Die werten Sender sollten doch bitte nur noch Relevantes verschicken. Meist wurde das einfach ignoriert (eigentlich immer). Darunter leiden (naja) vor allem die kleineren Bands und Labels, die sich noch die Mühe machen alle Fanzines direkt anzuschreiben und die wirklich gerne wissen würden, was wir hier vor deren Veröffentlichung halten (ich bilde es mir zumindest gerne ein). Mittlerweile hab ich aber eh gar kein Bock mehr irgendwelche Plattenreviews zu scheiben und hatte vor einiger Zeit sogar einen Review-Generator (der „Review-Mat“) für unsere Website gebaut, in dem man nur ein Formular ausfüllen musste und dann eine zufällig generierte Review bekam (die dann auch gleich auf der Seite angezeigt werden sollte). Hab es mir zum Glück noch anders überlegt und das Ganze in die Tonne gehauen. Fanzine-Reviews sind da noch ne andere Geschichte, obwohl ich mich da auch manchmal etwas durch quäle.
Soviel zur Theorie.

Da das Akrox aber für seine Doppelmoral bekannt ist, hab ich mir überlegt, einmal mein Verhalten zu hinterfragen bzw. versuchsweise einfach jede dieser Mails eine Woche lang gewissenhaft zu bearbeiten. Was dabei herauskam kann nun im Folgenden gelesen werden.

11.09.2015 11:00 Die übliche Mail von Mad Tourbooking trudelt ins Haus. Jede Menge Konzerttermine, welche ich natürlich sofort in den Akrox Konzertkalender eintrage (punkrock-konzerte.de). Die Hälfte steht allerdings eh schon drin. Außerdem ärgere ich mich mal wieder, dass alle Bandnamen großgeschrieben sind und ich, trotz elektronischen Zeitalters und so, alles noch mal abtippen muss.

11.09.2015 13:27 Let it Burn Records finden ein Release pro Monat langweilig und feiern schon 15-Jähriges Bestehen. Herzlichen Glückwunsch erst mal! Allerdings soll ich mir hier nur drei Releases im November schon mal merken. Mach ich natürlich. Nicht.

14.09.2015 14:26 Soulfire Artists „haben die Pressearbeit für die brandneue Single der US Reggae Rockband „Passafire“ übernommen und möchten (…) dieses gerne vorstellen“. Das Wort „Single“ in dem Satz überlese ich erst mal, was einige Verwirrung stiftet, als ich bemerke, dass da nur drei Songs zur Download bereitstehen. Ich werde der Einfachheit weiter davon ausgehen, dass es sich um ein neues Album handelt. Man merkt nach dem ersten Hören, dass Die Band ihren eigenen Stil hat. Man kann sogar sagen, dass sich die Songs im Grunde alle gleich anhören. Ich hab sogar die Vermutung, dass sie sich nicht mal die Mühe gemacht haben für jeden Song einen eigenen Text zu schreiben und stattdessen immer wieder das Selbe singen (kann es aber nicht beweisen, da keine Texte beigelegt sind). Am besten gefällt mir dabei der dritte und letzte Song des Albums „3-Feel_It_Umberto_Echo_Dubmix“, währen dich mit dem zweiten „2-Feel_It_Radio_Edit“ eigentlich gar nichts anfangen kann. Alles in allem ist das ein sehr eintöniges Album. Vielleicht ja mehr was für Fans von Passafire.

14.09.2015 21:05 Die nächste Mail kommt vom Transcending Obscurity Label und will mir die Indische Trash-Metal-Band Armament und deren Album „First Strike“ nahelegen. Die mitgeschickten Bilder vom Cover und der Band machen mir ein bisschen Angst und ich hoffe, dass sich mein PC nicht mit einem Heavy Metal Virus ansteckt, als ich die Zip-Datei runterlade. Mit den fünf Songs kann ich nicht so richtig was anfangen, obwohl einige vermutlich sogar mir gefallen könnten, wenn der Gesang nicht wäre. Ein guter Soundtrack zum Ausrasten oder Wäsche aufhängen. Zum Glück muss ich jetzt nicht auf einen Kommentar verzichten, da das Label so nett ist und schon mal eine Review vorbereitet hat (allerdings auf Englisch, ich hab es übersetzen lassen): „Bewaffnung sind eine der aufregendsten Thrash-Metal-Bands, die aus Indien entstehen. Mit zündeten Stadien im ganzen Land, werden sie ganz eingestellt, um ihr Debütalbum mit dem Titel „First Strike“ international zu lösen. Die Musik ist sehr erinnert an den klassischen teutonischen Thrash trio – Sodom, Kreator und Destruction -, während sie trägt auch Ähnlichkeiten mit frühen Slayer und verleiht ein bisschen aus dem südamerikanischen rohen Thrash-Sound. Es ist etwas, keine wirkliche Thrash-Metal-Fan kann widerstehen oder leben ohne. (…) Es ist stählern, roh, und triefend mit Metall. Der erste Streik selbst ist tödlich.“ (sic) Was soll ich dem noch hinzufügen?

15.09.2015 20:51 Schon wieder Transcending Obscurity Label und schon wieder son Metal-Krams. Dieses mal geht’s aber um die Band Praise the Flame aus Chile. Da meine Ohren (und Ellenbogen) aber noch vom letzten Mal bluten übergehe ich diese Platte stillschweigend.

16.09.2015 15:27 Oh, Uncle M schreibt! Nach dem ich den lieben Mirco jahrelang erfolgreich ignoriert hatte, bekam ich einmal eine Mail in welcher mir mitgeteilt wurde, dass ich, wenn ich nicht demnächst mal eine Review schreiben würde, leider aus der Liste entfernt werden würde. Meine Freude war jedoch unbegründet, denn ein paar Tage später kam dann doch wieder eine Mail ins Haus geflattert. Und so ging das dann weiter. Heute geht es um das „neue Album der Prog/Alternative-Institution Coheed And Cambira“ deren Vater laut Info Angst vor der Sängerschaft hat (oder so).

Nach dem Download des 10 Songs Albums „The Color Before The Sun“ werd ich mit einem fröhlichen La La La begrüßt und schon beim ersten Song wippe ich unwillkürlich mit dem Fuß. Der Gesang von Sänger Claudio Sanchez erinnert mich ein wenig an den von Brian Diaz von Ednas Goldfish, was gut ist. Beim Weiterhören muss ich aber sagen, das der erste Song, obwohl hochgradig verpopt, auch der „beste“ ist und der einzige, den ich jetzt ohne Schmusepartner ertragen kann.

17.09.2015 10:11 Ein gewisser Torsten Strafe von der Band „Die Strafe“ schickt mir einige Konzerttermine und den Plattentipp für das neue Album von Die Strafe. Leider fehlt eine Arbeitsanweisung, weswegen ich auch nix tue. Strafe muss sein.

17.09.2015 13:34 Onkel M informiert über das neue Video zum Song „Break In Case Of Emergency“ der Band Great Collapse (so ne Punkrock Patchwork-Allstar Band) und schreibt, quasi im Nebensatz, dass es ja auch noch bald ein neues Album von den gibt. Das Video ist ehrlich gesagt auch ziemlich Patchwork-Allstars, aber zumindest ist es komplett mit Unter- bzw. Übertiteln bestückt. Ziemlich wirrer Text, erinnert mich an diese All-Weihnachtlich auftauchenden Songs für irgendeine Hilfe-Für-Die-Welt mit 10-100 berühmten Menschen die da singen und traurig/vorwurfsvoll dreinblicken. Aber die Süßigkeitenregale im Supermarkt meines Vertrauens sagen mir, dass ja tatsächlich bald Weihnachten ist und von daher passt es ja. Oh, ich sehr grade in der Info, dass die Band tatsächlich „(…) ihren Allstar-Status dazu nutzt, um gegen soziale Ungerechtigkeit und Kriegstreiberei und für Einheit und revolutionäre Ideen einzustehen.“ Löblich.
Das Album „Holy War“ wiederum besteht aus 12 Emo-Pop-Punk Songs wie ich sie eventuell in den 90ern zumindest widerwillig ab und zu gehört habe. Allerdings trieft das ganze über von Moral und wirkt alles in allem ziemlich weinerlich. Ich hab das Gefühl alles schon 100 Mal gehört zu haben.

17.09.2015 17.02 Och nöö, schon wieder diese Transcending Obscurity Promotion Leute… Ok, ganz schnell:
Band: Avulsed
Land: Spanien
Albumg: Altar of Disembowelment
Genre: (Pure) Death Metal
Releasedatum: – September 9th, 2015

So, das wars. Eine Woche Promomails. Ich kann mir denken, dass die größeren Fanzines noch mehr von dem Kram bekommen, vor allem auch per Post. Ich bin ja echt froh, dass ich seit der letzten Ausgabe keine Adresse mehr angegeben habe und davor öfters mal umgezogen bin. Dem Akrox etwas zu schicken, ist sowieso meistens Zeit- und Geldverschwendung (es sei denn, es handelt sich um Fanzines).

Kommentare | Kategorie: Artikel, Kolumnen

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