Wo ist unser Haus? – Der lange Weg zum Substanz in Osnabrück

Das selbstverwaltete Zentrum Substanz ist mittlerweile eine feste Größe in Osnabrück. Für viele Menschen ist ein Leben ohne gar nicht mehr denkbar. Aber wie erkämpft mensch ein Autonomes Zentrum in der niedersächischen Provinz? Dranbleiben, hartnäckig sein, nerven, nicht aufgeben und am Ende die Erkenntnis gewinnen, dass Freiräume hier nicht erkämpft, sondern gemietet werden. Die Geschichte vom Osnabrücker Häuser- und Bauwagenkampf erzählt in Kurzform, denn das Erlebte könnte auch ganze Bücher füllen…

Was legitimiert mich, die Geschichte des Autonomen Zentrums in Osnabrück zu erzählen? Nun, ich war halt dabei. In den Jahren 2000 bis ca. 2011 habe ich einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, mit vielen anderen ein AZ zu erkämpfen und als es endlich da war, es mit Leben zu füllen und am Laufen zu halten.

Doch von ganz vorne: In den 70ern und 80ern entstanden in der BRD in vielen Städten Autonome Jugendzentren. Auch in Bielefeld, Detmold oder in Oldenburg entstanden diese und bestehen bis heute. Nur in Osnabrück hat es nicht geklappt…

1999 gab es in Osnabrück einen Aufmarsch der NPD gegen die im kulturgeschichtlichen Museum gezeigte Ausstellung „Vernichtungskrieg: Verbrechen der Wehrmacht“. Natürlich gab es auch Gegenproteste. „Damals“ waren die Bullen noch nicht so gut aufgestellt. Es war kein Problem, in unmittelbarer Nähe und Wurfweite der Nazis zu gelangen. Und so hat es ganz gut gerappelt, inklusive kleiner Riots auf dem Neumarkt. Kurze Zeit danach hieß es in gut informierten subkulturellen Kreisen, dass es jetzt eine Antifa gebe. In Osnabrücks einzigen linken Räumen an der Uni, der „Alten Münze“ traf sich ein bunter Haufen Punks, Studis, Schüler, Alte, Junge, usw. Aus dieser Ur-Zelle entwickelte sich in den nächsten Jahren einiges. Ziemlich schnell war klar, dass die Räumlichkeiten viel zu klein waren und dass etwas größeres her musste. Außerdem gab es Konflikte mit den GenossInnen, die den Laden die Jahre vorher betrieben. Die fanden das nicht so toll, dass in den Räumen auch Partys und Konzerte gefeiert wurden. Auch die Idee, den Infoladen mal aufzuräumen und viel „alten und doppelten Kram“ wegzuschmeißen, kam nicht so gut an.

Gesmolder Straße

So gründete sich eine Gruppe namens „AG Neues Zentrum“ mit dem klaren Auftrag, ein AZ zu beschaffen. Kein Problem, denn wie das funktioniert, wussten wir: Einfach ein Haus besetzen und dann mit den Besitzern und Politikern verhandeln. Ein Objekt war auch schon auserkoren, nämlich eine leerstehende, ehemalige Flüchtlingsunterkunft in der Gesmolder Strasse. Die Idee war, mit möglichst vielen Leuten in das Haus herein zu gehen und eine Räumung so zu erschweren. Am 30.06.2001 verschafften wir uns nachts Zutritt zu dem Gebäude. Doch der Mangel an Verschwiegenheit, um viele Mitbesetzer zu gewinnen, hatte seinen Preis. Es waren gerade alle Kleingruppen im Gebäude und hatten sich auf dem Dachboden gesammelt, um erstmal ein Plenum zu machen (HaHa!), da war das Gebäude schon umstellt und wir wurden per Lautsprecher aufgefordert, das Haus zu verlassen. Der von uns zu Verhandlungen nach unten beorderte Pressesprecher wurde sofort festgenommen. Ich glaube, die Tür war nicht mal verrammelt. Es gab 37 Festnahmen. Das Spektakel dauerte 18 Minuten.

So eine komplett fehlgeschlagene Aktion kann man als peinliche Niederlage werten und die Gruppe auflösen. Oder man kann das als Ansporn nehmen und weitermachen. Gesagt, getan…In den Monaten danach waren wir sehr umtriebig. Wir trafen Lokalpolitiker und ließen uns erklären, dass eine Hausbesetzung, doch der falsche Weg sei. So stellten wir einen offiziellen Antrag beim Jugendhilfeausschuss. Wir machten Infostände in der Fußgängerzone und starteten eine Unterschriftensammlung. Es gab eine Demo und ein super Straßenfest an der Alten Münze. Als dann nach einem knappen Jahr der Antrag abgelehnt wurde, waren wir ziemlich sauer. So besetzten wir den Ratssitzungssaal und sprengten erstmal die restliche Sitzung. Das Ergebnis war immerhin ein Gesprächsangebot seitens der Politik. Hinter den Kulissen feilten wir längst an den nächsten Coup. Eine Hausbesetzung musste her. Dieses Mal perfekt geplant und vorbereitet.

Koksche Straße

Leider (oder zum Glück?) gab es innerhalb der Gruppe eine Abspaltung, die ganz schnell besetzen wollte, sich schon ein Objekt ausgesucht und Flugblätter kopiert hatte. Das gab viel Ärger und böses Blut. Aber die Aktion war nicht mehr zu bremsen, und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Am 01.05. 2002 wurde die Koksche Str. 73 besetzt. Am helllichten Tag. Es musste nicht mal eine Sachbeschädigung begangen werden, denn die Tür war auf. Das Haus war nämlich das denkbar schlechteste Objekt. Total baufällig, brutal verschimmelt, keine Fensterscheiben, keine sanitären Anlagen, kurzum: Totaler Schrott! (Ja, ich gehörte nicht zu der Spalterfraktion). Irgendwann im Laufe des Tages kamen auch die Cops, wurden aber vertröstet („Alles abgesprochen mit den Eigentümern!“) und zogen nach einem Telefonat mit den Besitzern auch wieder ab. Diese hatten an einer Räumung gar kein Interesse, da das Haus in vier Wochen sowieso abgerissen werden sollte. Wahrscheinlich konnten die sich auch nicht vorstellen, dass man es mehr als eine Nacht darin aushalten kann. Das Gesprächsangebot der Lokalpolitiker wurde allerdings zurückgezogen.

Nun gab es plötzlich ein AZ. Alles wurde schnell irgendwie zusammengedengelt. Die Schimmelflecken wurden mit Plakaten oder Alufolie überklebt. Ein kleiner Infoladen und ein Konzertraum eingerichtet. Das Haus von außen verschönert und der Hof davor einigermaßen in Schuss gehalten. Einen gewissen Charme konnte man nicht leugnen. Der Rest der Gruppe hatte sich entweder zähneknirschend mit der Situation arrangiert oder sich frustriert abgewendet. Aber es kam auch Zulauf aus der Szene, denn ein besetztes Haus hat Anziehungskraft. Viele alte und neue Gesichter kamen vorbei. Nicht wenige beteiligten sich nach ihrem Besuch aktiv. Es gab einige Veranstaltungen, u.a. Konzerte, Lesungen, Vokü, ein ganz normales AZ-Programm, nur irgendwie improvisiert und mit einem gehörigen DIY Charme. Die Besitzer gaben uns tatsächlich eine vier Wochenfrist, nach deren Ablauf wir das Haus räumen sollen. Da das Ganze aber lief wie Bolle, dachten wir nicht daran, dass Haus zu räumen. Natürlich wollten wir das Teil nicht haben, sondern forderten leicht größenwahnsinnig ein Ersatzobjekt, denn die vier Wochen haben ja gezeigt, dass ein AZ in Osnabrück angenommen und gebraucht wird. Als zum Abrisstermin morgens die Bagger anrückten, kamen sie nicht auf das Grundstück. Ungefähr 60 Leute vor, auf und in dem Haus machten das Unmöglich, so dass die Maschinen wieder umdrehen mussten. Ab diesem Zeitpunkt erst war die Besetzung illegal, denn es wurde Strafanzeige gestellt. Nun musste mit einer polizeilichen Räumung gerechnet werden. Die Frage war nur: Wann? Durch Vermittlung des Vereins Avanti, die sich während der Besetzung in den Kampf um ein AZ einklinkten und in den nächsten Jahren die Pressearbeit übernahmen, gab es Gespräche mit Sympathisanten aus der Stadtverwaltung. Diese sagten uns ihre Unterstützung zu und garantierten uns, dass erstmal nicht geräumt wird. Darauf haben wir uns natürlich verlassen und so waren am frühen Morgen des 13.06.20002 nur acht GenossInnen und ein Hund im Haus, als die Bullen mit einer Hundertschaft anrückte, um das Haus zu räumen. Echt schade, es gab keine Zeit mehr, die vorbereiteten Lock-ons auf dem Dach zu besetzen, alle wurden aus dem Schlaf gerissen. Als die ersten Unterstützer ankamen, war es schon halb neun und das Haus nur noch ein riesiger Schutthaufen (2002 gab es noch kein Facebook oder Twitter, und die wenigsten besaßen ein Handy). Am Abend gab es eine gut besuchte und laute Demo von der City bis zur Kokschen Straße. Danach stieg auf dem Schuttberg noch eine Party bis spät in die Nacht.

Das war die Koksche Str. in absoluter Kurzform, alleine diese Episode könnte mehrere Kapitel füllen. Nur eine kleine Geschichte noch: Unter den acht Personen, die geräumt wurden, befand sich auch „der Hip Hopper“. Dieser Mensch war sechs Wochen lang täglich mit seinem Bike am Haus vorbeigefahren und hat sich nie herein getraut. Doch an diesem letzten Abend nahm er seinen Mut zusammen und erlebte einen feucht fröhlichen Abend mit netten Leuten. Er versackte auf dem Sofa und wurde am nächsten Morgen von Robocops geweckt. Gutes Timing!. Er blieb der Bewegung noch einige Zeit erhalten, bevor er wieder verschwand.

Es folgten wieder Gespräche mit der Stadtverwaltung, diese hatten kein Haus für uns, aber stellten uns eine Fläche zur Verfügung. Ein Grundstück? Ja, irgendwer äußerte in den Gesprächen, dass er noch einen Bauwagen hätte und man da ja drin wohnen könne (Tatsächlich hatten zu diesem Zeitpunkt einige Genossen keine Wohnung und waren nach der Räumung obdachlos). Also hatten wir auf einmal einen Bauwagenplatz. Das uns zur Verfügung gestellte Gelände befand sich sehr zentral neben einem Jugendzentrum. Schön gelegen, auf einem Berg mit Blick über die halbe City. Schnell standen dort 3-4 Bauwagen und wir hatten weiter einen Treffpunkt. Diese Episode war allerdings bald beendet, denn das Jugendzentrum konnte auch für private Feiern gemietet werden. Was meint ihr passiert, wenn ein Haufen Hools einen dreißigsten Geburtstag in unmittelbarer Nähe eines linken Treffpunkts feiert? Ja, es ist eskaliert. Zum Glück gab es keine Schwerverletzten. Wir mussten allerdings weg, auf Drängen der Anwohner.

AZ-Wagenplatz

Ziemlich zügig wurde seitens der Stadtverwaltung ein Ersatzgrundstück gefunden, als „Übergangslösung“. Am nördlichen Stadtrand gelegen, sehr naturnah, aber faktisch zwischen Kläranlage und Müllkippe gelegen: der Fürstenauer Weg 70. Hier sollten wir ausharren, bis ein geeignetes Haus für uns gefunden ist. „Die Stadtverwaltung“ war de facto das Jugendamt und der damalige Sozialdezernent, die uns wohlgesonnen waren. Diese reizten ihren Handlungsspielraum sehr geschickt aus, bekamen aber bald einen Riegel seitens der Politik vorgeschoben. Anfangs hatten wir noch Strom und eine „Wasserblase“ vom THW, die alle zwei Wochen aufgefüllt wurde, sowie Dixi-Klos. Zu Beginn des echt harten Winters 2002/2003 wurde das alles von der Schwarz-Gelben Mehrheit im Stadtrat gekippt. Vom Grundstück jagen konnten sie uns nicht so einfach, also versuchten sie es mit Aushungern.

So entstand der „AZ-Wagenplatz“. Nicht wenige GenossInnen gaben ihre Wohnung auf, holten sich einen Bauwagen, und widmeten sich quasi Vollzeit dem Kampf um ein AZ. Auch ich sah meine Utopien wahrgeworden. Ein Leben in einem Freiraum, zusammen mit „fitten“ Leuten für ein Selbstverwaltetes Zentrum kämpfen. Zu dem Zeitpunkt war ich arbeitslos, hatte etwas Geld geerbt und konnte alle Energie in das Projekt stecken. Es waren verrückte, wilde Zeiten. Viel ist passiert, in dieser Riesen-WG, sowohl politisch als auch zwischenmenschlich.

Wir hatten viel Zulauf, vor allem durch die „Altlasten“, die wir seit der Kokschen Str. mit uns herumschleppten. Da wir uns gegen die kapitalistische Verwertungslogik aussprachen und öffentlich die Ausgrenzung von Menschen, die aus dem System fielen, anprangerten, waren wir halt offen für Diejenigen, die anderswo sofort rausgeschmissen wurden. Das waren Menschen aus der Obdachlosenszene, Strassenpunx und deren oftmals sehr anstrengendes Umfeld (inklusive Hunde; im Sommer 2003 wohnten dort knapp 30 Menschen plus Gäste und mind. 20 Köter!) Es sprach sich zu der Zeit herum, dass man bei uns unterkommen kann und viele nutzten das. Da der Platz jenseits der staatlichen Kontrolle war, konnte man hier auch machen was man wollte. Wir haben verzweifelt gegen Alkoholkonsum am helllichten Tag (Bier erst ab 18:00 Uhr! Wegen dem öffentlichen Gesamteindruck, denn das Gelände lag an einer stark befahrenden Ausfallstrasse.) angekämpft. Rückblickend haben wir diesen Kampf und den gegen andere Drogen verloren. Wir waren halt keine Therapeuten Die fitten, politischen Leute (oder auch: die dogmatischen Automatenficker, wie wir uns mal beschimpfen lassen mussten) waren bald in der Minderheit. Die wenigen, die bis zum Ende ausgeharrt haben, waren zermürbt von internen Querelen.

Trotz dieser Probleme haben wir viel auf die Kette gekriegt. Unsere Freunde von der Stadtverwaltung haben die „Containerlösung“ vorgeschlagen. Für 48.000 Euro sollten alte Schulklassencontainer am Fürstenauer Weg installiert werden. Ein billigeres Jugendzentrum hätte es nicht gegeben. Dieser Vorschlag war zu Abstimmung im Jugendhilfeausschuss und wurde dort abgelehnt. Zum Dank nervten wir die CDU im Wahlkampf und begleiteten fast jeden derer Infostände in der City durch unsere Anwesenheit inklusive Blockflötenkonzert.

Im Herbst 2002 kaufen wir ein altes Zirkusstallzelt und bauten es auf unserem Platz auf. Ab Februar 2003 fingen wir mit dem Veranstaltungsprogramm an. Jeden Monat Filmabende, Vorträge, Lesungen, Gruppentreffen, Partys und Konzerte, Konzerte, Konzerte. Ein so ausgefallenes AZ im Zirkuszelt mit Palettenboden hat es bundesweit wohl nicht gegeben. Es gab Veranstaltungen, die waren super besucht. Aber bei Konzerten unter der Woche bei miesen Wetter waren es manchmal nur 10 People, die sich zu uns verirrten, inklusive fünf Punx, die ihr geschnorrtes Kleingeld an der Kasse abgaben, so dass wir viele Bands nur schlecht bezahlen konnten. Wir hatten viele internationale Bands am Start, Schwerpunkt Anarchocrust.

Zu dieser Zeit gab es auch die ersten Berührungen von Autonomer- und Elektroszene. Es entstand die legendäre Partyreihe „Elektronisches Ereignis“, die auch nach der Räumung noch weiterlief. Strom für alle Veranstaltungen kam übrigens aus einem Generator, der ab und zu mitten im Konzert ausging, da niemand daran gedacht hatte, Benzin zu holen.

Es gab auch unzählige politische Veranstaltungen und Aktivitäten. Die Rote Hilfe Ortsgruppe wurde hier gegründet, ebenso das damalige Szeneblatt „Die Zwille“. Wir nahmen an bundesweiten Demos teil, organisierten Fahrten zu G8 Gipfeln und waren fester Bestandteil der Anti-Lager-Action Tour, die wir vor allem durch Infrastruktur aber auch personell unterstützten. Zwischendurch gab es immer wieder Antifa Aktionen.

Da wir am Stadtrand durchaus angreifbar waren, waren wir auf evtl. Attacken gut vorbereitet. Alleine die Anwesenheit der Hunde hat aber mächtig Eindruck gemacht. Sind dir schon mal 10 bellende Hunde entgegengekommen? Leider hat das nicht nur Feinde abgeschreckt…

Ende 2003 nahm der Räumungsdruck zu. Vor allem die CDU wollte den Schandfleck weg haben. Wir sammelten Unterstützer und bekamen viele aus dem bürgerlichen Lager. Der AZ-Wagenplatz war längst Stadtgespräch, was zahlreiche Artikel nicht nur in den lokalen Medien bewiesen. Im November 2003 hatte sich der Verwaltungsausschuss mit knapper Mehrheit für eine Räumung ausgesprochen. Es gab dann einen Räumungstitel im Februar 2004, der jedoch vom Verwaltungsgericht gekippt wurde, da die Frist mit 14 Tagen zu knapp bemessen war.
So liefen der Alltag und das AZ-Programm unberührt weiter. Die Luft war aber irgendwie raus. Die Lehre aus dem AZ-Wagenplatz war vor allem, dass Wohnen und AZ zu sehr kollidiert. In Zukunft sollten beide Gruppen getrennte Wege gehen. Ein Konzept für eine Verteidigung des Platzes im Falle einer Räumung gab es nicht. Wir wollten wieder Häuserkampf!
Ich habe den AZ-Wagenplatz übrigens nach ca. einem Jahr verlassen. Meinen Bauwagen hatte ein Genosse übernommen. Ich sehnte mich nach sanitären Luxus und vor allem: RUHE! In einem AZ zu wohnen in unmittelbarer Nähe des Lagerfeuers und zudem als Einziger den Schlüssel für das Getränkelager zu haben ist echt anstrengend. Jeden Morgen den Platz von Bierflaschen zu säubern nervte ebenfalls.

Lutherhaus

Es gab eine neue Räumungsfrist. Am 31.10.2004 sollten wir das Gelände verlassen haben. Für Anfang Oktober war eine große Aktion geplant. Die AZ-Gruppe wollte ein Haus besetzen und die Bewohner einen neuen Platz. Wir hatten ein schönes Objekt ausgewählt. Das sogenannte Lutherhaus war ein zweigeschossiges, großes Gebäude mit großem Veranstaltungssaal im ersten Stock. Es war damals noch im Besitz der evangelischen Kirche. Super, dachten wir uns, denn die Superintendentin hatte sich für uns stark gemacht. Gleichzeitig wollten die Bewohner ein Grundstück in unmittelbarer Nähe des Fürstenauer Wegs besetzen. Dieses war wirklich schön und hatte in der Mitte ein Loch mit Steintreppen, wo man theoretisch sogar Veranstaltungen machen könnte.
In der vom 03. auf den 04.10. verschafften wir uns in Kleingruppen Zutritt zum Lutherhaus. Der Plan war, dort sich erstmal still zu verhalten und am frühen Morgen die Besetzung öffentlich zu machen. Blöderweise stand wohl ein Nachbar just in dem Moment an seinem Fenster (nachts um drei) und rief die Bullen, da schwarzgekleidete Jugendliche in das leerstehende Haus einstiegen. Die Folge war die Räumung nach ca. 1 Stunde. Da „unsere“ Bereitschaftspolizei einen Einsatz hatte, wurde Streifenbullen aus dem ganzen Landkreis zusammengezogen. War ein lustiges Bild, wie diese mit ihren Schutzschilden aus den 80ern in Schildkrötenformation die Treppe hochkamen, jederzeit einen Steinhagel erwartend. Diese Performance war dann auch einfach mal einen kräftigen Applaus wert, was zur weiteren Verwirrung führte.

Schade, ein schönes Objekt war das. Heute ist dort ein privater Veranstaltungsort von einem Bluesgitarristen. Dieser behauptete kackfrech in der Presse, dass er das Gebäude erst renovieren musste, weil wir dort so ein Chaos gemacht hätten. War gelogen, denn die Töpfe, die das Regenwasser vom Dach einfingen, haben die Bullen mit geräumt. Wir haben dort gar nichts angefasst. 15 Festnahmen gab es, alle Verfahren wurden später eingestellt.

Die Freiraum-Fraktion vom Wagenplatz hatte auch nicht mehr Glück. Konnte ja auch kein Mensch ahnen, dass das schöne Gelände der britischen Rheinarmee gehörte und diese dort den „Brückenschlag“ übten. Es wurde freiwillig wieder verlassen, was zu der schönen Schlagzeile in der Zeitung führte: „Autonome gehen britischen Panzern aus dem Weg“.
Am 15.11.2004 am Nachmittag war es dann soweit. Der AZ-Wagenplatz wurde geräumt. Auf dem Gelände hielt sich zu dem Zeitpunkt niemand mehr auf. Das Zelt und ein paar Bau-und Wohnwagen standen noch dort. Einige wenige von uns verfolgten und dokumentierten das Spektakel vom Straßenrand aus. Ein wenig wehmütig waren wir schon, doch es war auch wie eine Befreiung, ein Neuanfang. Am nächsten Abend folgte noch eine gut besuchte Demo.

Bruchstraße

Am zweiten Weihnachtstag 2004 besetzten wir ein leerstehendes Haus in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs. Für dieses Objekt besaßen wir durch eine Verkettung unmöglicher Zufälle einen Schlüssel. Besetzen leicht gemacht: Tür aufschließen, reingehen, Transpis heraushängen. Die Besitzer, irgendeine Immobilienfirma, war recht entspannt und räumte uns etwas Zeit ein, so dass wir dort bis zum 04.02.2005 Tage unseren Zentrumsbetrieb durchführen konnten. Wir erlebten dort eine schöne Sylvesterparty. Es gab viel Besuch, auch aus anderen Städten. Interessanterweise nahm die Beteiligung aus der „Säuferszene“ stetig ab und war bald ganz erloschen. Um weiteren Verfahren aus dem Weg zu gehen, haben wir zum Auszugstermin das Haus verlassen und haben auf dem Neumarkt eine Auszugsaktion gemacht, inklusive Ausziehen.

Hamburger Straße

Am 05.02. 2005 folgte die nächste Besetzung. In dem Gebäude an der Hamburger Straße, am ehemaligen Güterbahnhof gelegen, befindet sich heute ein unsympathischer Club namens Sunrise. Damals stand dort alles leer. Drei Genossen stiegen in das Haus ein, draußen warteten die Unterstützer. Wir standen lange da und warteten, bis etwas passiert. Als endlich die Bullen kamen, waren es genau fünf in einem Auto. Da auf dem Gelände die Bundespolizei zuständig war, mussten die Herren aus Münster anreisen. Die damaligen Besitzer, die Aurelius GmbH, hatte gar keinen Bock auf Besetzer und waren auch nicht bereit zu verhandeln. Also wurde geräumt. Den drei Genossen wurde später der Prozess gemacht. Das Urteil war milde, auch wohl wegen den vielen UnterstützerInnen im Saal.

AZ im Exil

Es begannen die Jahre ohne AZ. Es traf sich weiterhin eine Kerngruppe, die die Forderung aufrechterhielt. Anfangs trafen wir uns auf der Wabos (Osnabrücks ersten Wagenplatz), später in der Neulandstraße, wo unsere GenossInnen von der Freiraum-Fraktion einen neuen Wagenplatz erkämpften (dieses Ziel haben sie auch tatsächlich erreicht, mittlerweile sind sie schon 2x umgezogen). Irgendwann landeten wir wieder am Ausgangspunkt, in der Alten Münze. Wir beschränkten unsere Aktivitäten darauf, Veranstaltungen zu organisieren, immer mit dem Label „AZ im Exil“. Wenn man keine eigenen Räume zur Verfügung hat, ist man auf freie Termine in den Jugendzentren angewiesen. Da muss man unter Umständen ein halbes Jahr vorher den Termin buchen. Eine sehr unbefriedigende Situation, zumal es auch nicht deine Räume sind und du für alles haftbar bist. Außerdem muss man mit den Sozialarbeitern klarkommen und Miete für den Abend zahlen.
Trotzdem haben wir zahlreiche Exil-Partys und Konzerte gemacht. Diese waren immer sehr gut besucht, vor allem das „Elektronische Ereignis“, bei denen die Hütte immer rappelvollwar. Bei den Veranstaltungen bauten wir immer einen Infostand auf, um für die Idee eines AZ`s zu werben. Dadurch fingen tatsächlich ein paar neue Leute an, sich aktiv zu engagieren, was der Gruppendynamik sehr gut tat. Die Highlights waren die illegalen Elektropartys am Osnabrücker Kanal.

Die Jahre mit und ohne AZ haben vor allem eines gezeigt: Osnabrück brauchte ein AZ. Der Bedarf war da, das Ding würde laufen. Wir mussten uns neu orientieren. Durch Hausbesetzungen kamen wir leider nicht an unser Ziel. Bis auf eine Scheinbesetzung im Sommer 2005 gab es auch keine mehr. Da die Zusammenarbeit mit Avanti e.V. freundschaftlich beendet wurde, gab es nur eine Möglichkeit: Wir mussten einen neuen Verein gründen, mit diesem mieten wir einfach ein verdammtes Haus.

2006 gründeten wir den „Freundeskreis für ein Selbstverwaltetes Zentrum, Bildung und Kultur“, kurz FrAZ e.V. Durch Mitgliedsbeiträge sollte ein Großteil der Miete abgedeckt werden. Bei den Exil-Veranstaltungen, auf Demos und überall fingen wir an, Mitglieder zu werben. Parallel dazu suchten wir geeignete Objekte in Osnabrück. Nebenbei betraten wir mit dem Vereinsrecht einen ganz neuen Planeten. Auf einmal brauchten wir einen Vorstand, eine Satzung und mussten jedes Jahr eine Steuererklärung abgeben. Fuck! Aber das nahmen wir in Kauf.

Wir besichtigten einige interessante Objekte, u.a. den Wasserturm, eine alte Gurkenfabrik und stießen dabei eher zufällig auf den ehemaligen spanischen Club in der Liebig Straße. Der Vermieter hatte anscheinend kein Problem mit uns, die Miete war ein Witz und die Räumlichkeiten zwar im dritten Stock gelegen, aber trotzdem mehr als geeignet. Es kam zu einem mündlichen Vertrag und zu einer Schlüsselübergabe. Zack, so einfach geht das! Ein AZ. In einem richtigen Haus mit Strom, Wasser und nicht baufällig. Im Jahr 2008 wurde der Traum wurde endlich war. Es herrschte Aufbruchsstimmung in der Szene und es gab Plena mit sehr großer Beteiligung. Endlich wurde auch ein Name gefunden für unser selbstverwaltetes Zentrum: Substanz! Leider entpuppte sich der Vermieter als Psychopath und merkte langsam, wem er seine Räume vermietet hatte. Wir bekamen ziemlich schnell die Kündigung. Mit Hilfe unseres Anwalts konnten wir immerhin ein Bleiberecht für ein Jahr durchsetzen. Ein Jahr voller großartiger Veranstaltungen, der Geburt der Punk Kneipe, der Kronkorkenschlacht, usw.

Aber die Suche nach einem Ersatzobjekt ging hinter den Kulissen weiter. Da gab es dieses leerstehende Haus in der Frankenstraße, in den Fenstern hing ein „Zu vermieten“ Schild. Einfach mal angerufen und eine Immobilienfirma an der Strippe gehabt, die das Gebäude für einen Luxemburger Konzern verwaltet. Es kam zu weiteren Telefonaten und zu einem Besichtigungstermin. Spätestens da wurde klar: Wir haben es gefunden! Das ist unser Haus! Drei Etagen mit Keller und Dachboden. Kaum Nachbarn. Unbegrenzte Möglichkeiten. Der Knackpunkt war aber die Miete. Ein hoher vierstelliger Betrag musste erwirtschaftet werden, jeden Monat. Nach reiflicher Überlegung haben wir uns für diesen Schritt entschieden und ihn nicht bereut, auch wenn es schwere Zeiten gab.
Seit 2009 befindet sich das AZ in der Frankenstraße 25a. Hoffentlich für lange Zeit.

Hier endet meine Geschichte. Ich musste 2007 einen Job annehmen, da der Druck vom Arbeitsamt immer mehr zunahm. Von da an konnte ich nicht mehr meine ganze Zeit in das AZ investieren. Dann bin ich auch noch aus der Stadt in den Landkreis verzogen. Stück für Stück habe ich mich aus der aktiven Arbeit herausgezogen. Mit meinem Herzen bin ich aber immer noch dabei.

Aufgeschrieben vom ehemaligen Hausmeister.

Kommentare | Kategorie: Artikel, Reportagen

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