Violent Dancing

Erst mal vorweg: Ich bin hier nicht der Moralapostel. Jeder Mensch kann und sollte zu Weilen für sich selber denken können. Es geht einfach um die Art wie wir uns anderen gegenüber verhalten, um eine Art Mindestrespekt. Wenn so eine Knalltüte mit seinen/ihren Aggressionen nicht klar kommt, ist da ja an und für sich nicht weiter schlimm, aber das im Moschpit rauslassen gehört da wohl eher in den Bereich „Ideen für Idioten“. Und damit ist der passende Begriff für Violent Dancer auch schon parat: Idioten. Erst mal sieht es ziemlich idiotisch aus wenn Pseudo-Muskelmänner/-frauen mit grimmigen Fratzen ihre Fäuste und Füße in Windmühlenmanier Richtung Band, Publikum, Boden und Decke schleudern. Zweitens beschleicht mich immer wieder das Gefühl, dass ich es mit nem Haufen ADS-kranker Kinder zu tun hab, die beim Einkaufen nicht die gewünschte Plastikkeule (mit passendem Urmenschkostüm) bekommen haben. Und diejenigen von den Trotteln, die dann hin und wieder zu Boden gehen und dann ohne Hilfe nicht mehr aufstehen, die sind die armen Schweine und sollten vielleicht demnächst lieber mal nen Schutzhelm mit aufs Konzert nehmen (mit passender Ritterrüstung). Ich spar mir hier mal das obligatorische „Sach ma, merkt ihr noch was?!“, weil merken tust du es ja. Du gibst bloß nen Schiss drauf, was mit anderen los ist. Hauptsache du kannst dein Macho-Gepose an die Leute bringen (im wahrsten Sinne des Wortes). Gibt es denn keine beschissenen Nazis mehr, die ihr verkloppen könnt? Müsst ihr euch jetzt gegenseitig die Köpfe einhauen?

Noch was: Als ich noch jung und flink war und noch keine Raucherlunge hatte, die nach ca. 30 Sekunden (langsamen) Gehens den Geist aufgibt, da war ich in jeden Pogo-Pit mitten drin. Nach dem Festival hab ich so manches Mal stolz meine grünen und blauen Beine/Arme/[Lieblingskörperteil hier eintragen] bewundert und gedacht: Das war mal ’n geiler Moschpit. Aber: egal wie hart das da zuging, es war immer klar, dass alle Leute auf einander achten. Wenn du fällst, wirst du aufgehoben, wenn du nen Ellenbogen ins Gesicht bekommst, dann dreht sich die Person mit den Ellenbogen um und kuckt, ob bei dir alles klar ist. Nimmt dich dann in dem Arm und tröstet dich bis die Tränen versiegt sind. Und wenn ich mir den Kram ankucke der da heute teilweise abgeht, beschleicht mich das Gefühl, dass es genau darum geht, ner anderen Person den Ellenbogen möglichst hart und schmerzvoll ins Gesicht zu rammen, oder in den Bauch zu kicken oder jemanden nen Schädelbasisbruch zu verschaffen, wie jüngst geschehen bei nem Light your Anchor Konzert in Salzwedel. Ok. Vieleicht etwas übertrieben. Es macht Spaß mal ordentlich auszurasten und einfach in die Menge zu springen wie ein Bekloppter, aber was manche Menschen bei den letzten paar, ich nenn es mal liebevoll Proll-Hardcore-Konzerten, da veranstalten, gehört eher ins Nachkampftraining im Adventure-Camp von Bravo und Bundeswehr.

Gegenargument ist ja immer wieder, dass da (anscheinend) doch eh nur 1-2 Prozent der Leute ihren Spaß haben und die lassen es halt krachen. Aber das ist ja auch kein Wunder, wenn die Idioten vorne wüten, als würde es kein Gestern geben. Und die Menschen die trotz allem weiter nach vorne gehen (meist ist die Todeszone ja ca. 2/3 des vorhandenen Platzes groß), z.B. um das Konzert sehen zu können, und dann eins auf die Fresse bekommen, kriegen dann noch zu hören: „Ey, wenn du son Weichei bist, biste hier eh aufm falschen Konzert, Digger!“ Nur die Stärksten haben das Recht zu überleben, vorne, in der Todeszone.

Es gibt schon Reaktionen darauf. Meistens kapier ich da auch nicht, was eigentlich los ist. Oft find ich das genauso idiotisch wie oben genanntes. So wurden beispielsweise zwei Freunde von mir bei nem Hardcore-Punk-Konzert aus dem Anna & Arthur in Lüneburg verwiesen, weil sie es gewagt haben zu pogen und weil dabei eine Person hingefallen ist (ich sage extra „hingefallen“ und nicht „gestürzt“, weil das Hinfallen ca. 20 Sekunden gedauert hat aufgrund der vielen Leute da). Ich hab das ganze sehr gut beobachten können und die ganze Situation war wirklich friedlich, selbst im Vergleich zu nem Konzert von, sagen wir mal, den Ärzten. Da wurde einfach überreagiert. Vielleicht auch auf Grund von Langeweile oder weil die Sexismus-Paranoia zu groß wurde: Große Mann schubst kleine Frau. Klischee. Darf nicht passieren: Raus!

Das ist natürlich auch nur ein Beispiel, genauso wie nicht immer ein Schädel zu Bruch geht, wenn mal Windmühle gespielt wird. Es gibt auch viele Leute, die aufeinander achten und Situationen richtig einschätzen und auch dementsprechend handeln. Und das ist doch eigentlich das, was sein sollte. Einfach mehr Rücksicht nehmen und auch anderen die Chance geben, auf nem Konzert ihren Spaß zu haben. Zur Not halt mal ein-zwei Lieder nicht pogen, oder auch Zurücktreten und pogen lassen. Vor allem vielleicht auch miteinander kommunizieren und zwar nicht gleich „Mach das oder verschwinde“. Und vielleicht schaffen wir es so irgendwann auch um Weltfrieden.

Und hier nochmal der Anlass zu diesem Artikel:

Hallo Leute. Auf diesem Weg möchten wir was loswerden. An diesem Samstag haben wir eine Show im Hanseat in Salzwedel gespeilt und dort ist es zu einigen Vorfällen gekommen die wir so nicht tolerieren können. Deshalb kam es auch zu einen unschönen Premiere für LYA. Wir mussten ein Song abbrechen und haben auch unser Set

nicht so gespielt wie wir es gerne hätten. Zum leid der friedlichen Show Gänger. Einige der Besucher haben es sicherlich schon mitbekommen, dass es dort sehr hart zuging. Die Folge dessen ist, dass ein Konzertbesucher mit einem Schädelbasisbruch in einer Magdeburger Klinik eingeliefert wurde. Zum Glück lieferten nicht wir den Soundtrack zu diesem Unfall was letztendlich egal ist, denn bei keiner der Bands hätte so was passieren dürfen. Wir waren schon von Anfang an sehr besorgt darüber dass der „Pit“ so aggressiv war und waren uns nicht sicher ob und wie wir diese Situation meistern sollen. Wer jetzt mit Argumenten wie „Hardcore muss so sein“ oder ähnlichem kommt hat unserer Meinung nach nicht verstanden worum es im Hardcore geht. Wir können ja schließlich nicht die ganze Szene verändern aber wenigstens einige auf unsere Seite ziehen. An dieser Stelle appellieren wir an eure Vernunft und möchten dass zumindest bei unseren Shows so was nie wieder passiert. Natürlich wünschen wir dem Unbekannten Patienten gute Besserung und eine baldige Genesung. Musik ist was Positives. Lasst uns diese scheiß Welt ein wenig besser machen und nicht noch schlechter.

LYA

Kommentare | Kategorie: Artikel, Kolumnen

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