Wirklich jeden Tag nur saufen?

Da wacht einer nach ner durchzechten Nacht auf und was sitzt da vor dem Bett und starrt ihn mit großen Augen an? Eine Schildkröte. Wie die da nun hingekommen ist, bleibt ein Rätsel, aber er beschließt von nun an weniger zu trinken. Zwei Salatblätter später beobachtet die Schildkröte noch immer jede seiner Bewegungen misstrauisch und er verlässt verlegen das Zimmer, sucht sein Heil in der Flucht. Beim alten „Wer-blinzelt-zuerst-Spiel“ ist hier nichts zu gewinnen.

Auch ich habe eine durchzechte Nacht hinter mir, genauer gesagt zwei. Schon tags zuvor nahm ich mir vor erstmal keinen Alkohol mehr zu konsumieren. Nach dem ersten Bier ging es mir aber wieder besser, nach dem fünften war die letzte Nacht vergessen. Warum eigentlich?

Warum Alkohol und der menschliche Körper Feinde sind
Opfer.

Man sagt mir oft, dass man es oft nicht merkt, wenn ich betrunken bin. Zugegeben sind das oft Leute die selber schon ordentlich einen im Kessel haben. Ich selbst hab da so meine Zweifel. Ich merk immer, wenn ich betrunken bin. Ich merke aber auch noch was ich mache. Blackouts, wie man sie aus Geschichten kennt, hatte ich noch nie, auch wenn ich es mir hin und wieder wünschen würde. Ich erzähle öfters Stuss im Suff, verschwinde manchmal plötzlich und reagiere sensible auf, manchmal missverständlich aufgenommene, blöde Sprüche. Stapf dann beleidigt weg. Trete mal nen Mülleimer kaputt. Ich muss zugeben, dass ich in letzter Zeit oft aggressiv werde. Das heißt aber nicht, dass ich mich mit anderen Menschen prügeln würde oder so was. Meistens richtet es sich eher gegen mich selbst. Andererseits sollte man mich auch nicht provozieren. Ich merke mir halt Sachen und wenn die Person Pech hat, spürt sie es noch Jahre später in Form von unterschwellig, aber bewusst verletzenden Bemerkungen.

Ich trinke gerne und manchmal auch viel. Ich verachte diese Leute, wie manche sogenannten Straight Egder, die meinen andere Leute missionieren zu müssen und sich ach so toll vorkommen, weil sie sich angeblich besser unter Kontrolle haben. Die sollen von mir aus in ihren prolligen Tattoostudios ihre Club Mate trinken und sich dann beim Windmühlenpogo selber auf die Fresse hauen. Aber: Manchmal denke ich, vor allem an Tagen wie gestern und heute, dass ne Pause vielleicht gar nicht schlecht wäre.

Komisch wie wichtig es angeblich ist zu trinken. Als gestern ein alter Bekannter sich ne Kola, statt des sonst üblichen Bieres bestellte, fragte ich, mehr oder weniger reflexartig, ob er noch fahren müsse. Er erzählte mir darauf hin, dass er seit einer unschönen Geschichte vor ein paar Monaten nichts mehr trinken würde. Er ging nicht weiter darauf ein, aber ich vermute mal, dass es nicht um eine Schildkröte ging. Ich sagte ihm, dass ich das gut fände, dass er das so schafft und ging dann etwas verlegen weg, Obwohl wir uns sonst immer wieder gut unterhalten können, hielt ich mich an diesem Abend von ihm fern. Gar nicht mal bewusst. Irgendwie war es mir unangenehm, dass ich neben ihm stehe, so mit Bier in der Hand. Als wäre es tatsächlich so, dass mir eine Schwäche stärker ins Bewusstsein kommt, weil jemand anderes verzichtet und auch noch gut damit klar kommt. Vielleicht ist es auch das, was mich an den oben genannten Straight Edgern nervt und reagiere darauf mit unbegründeter Verachtung und völlig übertrieben.

Ich werde das nächste Mal drauf achten und heute Abend ausnahmsweise mal beim Malzbier bleiben.

Mein schönstes Sauferlebnis in einem Satz:

Und es begab sich zu einer Zeit als totgeglaubte Bands aus ihren Gräbern krochen um ein weiteres Mal Tod und Zerstörung über die Welt hereinbrechen zu lassen, als der kleine Michael und seine Freunde gen Süden reisten um dem gar scheußlichen Treiben ein Ende zu setzen, wobei sie sich gut eindeckten mit allerhand Betäubungsmitteln der flüssigen Art, was als bester Schutz gegen die dunklen Horden gelten mag, wenn, ja, wenn man nicht zu viel davon kostet, was natürlich geschah, doch muss man aber auch erwähnen, dass es sich bei den o.g. Horden um die Bands Slime und Wizo handelt und der Ort des Geschehens das Ruhrpott Rodeo war, was aber kaum eine Rolle spielt, da es auch jedes andere Festival hätte sein können, auch eines mit klassischer Musik, obwohl bei dieser speziellen Geschichte eine Sache schon eine Rolle spielt, nämlich, dass er (der kleine Michael), noch während Slime aufspielten, zum frohem Pogo und Gesang, merkte, dass es ihm aufgrund des hohen Alkoholkonsums der letzten Stunden, gar nicht gut ging und er deswegen gleich nach dem Konzert gen Zelt verschwand und sich dort zur Ruhe legte, trotzdem aber noch allen Klängen lauschte, die da vom Gelände herüberwehten und hierbei sei gesagt, dass Wizo mittlerweile auf der Bühne standen und mit ihren Liedern nicht nur die Massen betörten sondern auch einem Menschen, der weit entfernt in seinem Zelt lag und glücklich jedes Lied von vorne bis hinten lauthals mitsang (auch wenn er gar nicht singen konnte), sich direkt danach, von Glück erfüllt, erhob, ein Bier unter seinem Kopfkissen fand und schließlich mit frischen Mut zurück zum Festival Gelände stampfte, wo aber schon alles vorbei war. So ist das manchmal.


Begegnungen auf dem Ruhrpott Rodeo
Seltsame Begegnung auf dem Ruhrpott Rodeo

Vielleicht noch mal als Anmerkung, falls einige Passagen weiter oben falsch verstanden werden könnten: Im Grunde und generell hab ich nix gegen Straight Edge und die Leute die das leben. Einige meiner besten Freunde machen das. Folgendes Zitat von Ian MacKaye (das ich in der aktuellen Punkrock! gefunden hab) bringt es für mich auf den Punkt: „Straight Edge was just a declaration for the right to live your life the way you want to. I was not interested in trying to tell people how to do that.“ Dem ist nix hinzuzufügen.

Kommentare | Kategorie: Artikel, Kolumnen

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