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Jürgen Teipel – Verschwende deine Jugend

In der Kurzbeschreibung auf der Innenseite von Verschwende deine Jugend steht etwas hochtrabend geschrieben, es wäre das ultimative Buch zum deutschen Punk und das tatsächlich alle wichtigen Protagonisten in ihm vorkommen.

Da war ich natürlich äußert gespannt, ob das denn auch so stimmen mag. Vielleicht ist es ja bezeichnend für mich persönlich, das ich als Fanzinemacher über eben jene Szene (wenn auch etwa 30 Jahre dazwischen liegen), kaum einen Namen der hier genannten Punk VIPs jemals zuvor gehört habe. Ich vermute aber, dass es vor allem aber daran liegt, dass die meisten dieser ungeheuer wichtigen Protagonisten vor allem ziemlich arrogant wurden und dazu noch ne große Klappe haben. Die sind, so zu sagen, zu den Hippies geworden, die sie damals nicht abkonnten. Nur halt für die nächste Generation. Vielleicht gehört es aber auch einfach dazu, dass jeder seine eigene Art als Den ultimativen Punk-Way-of-Life zu halten scheint. Man weiß es nicht. Das Buch zu lesen lohnt sich trotzdem und man muss dafür auch keine 50 sein um alles zu verstehen, obwohl es natürlich hilfreich wäre. Im Folgenden findet ihr einen Ausschnitt dessen, was der/die geneigte LeserIn in Jürgen Teipels Meisterwerk so (ungefähr) erwartet.

Jürgen Teipel - Verschwende deine Jugend
Cover von Verschwende deine Jugend

Trini Trimpop: Jäki Eldorado war ja der erste der damals mit diesem Regenschirm ankam. Der meinte, das wäre sein mobiles Haus. Wenn schlechtes Wetter ist, müsste der nur so seinen Schirm aufspannen und schon wäre wieder gutes Wetter. Der hat da auch richtig drunter gewohnt. Ich fand das total beeindruckend, diese Konsequenz. Das war auch total gegen die Hippies. Die haben sich ja immer vollregnen lassen. Da wollten wir uns ja unbedingt von distanzieren.

Jäki Eldorado: Bei meiner Reise nach England hab ich zum ersten Mal diese ganzen Punker mit ihren Schirmen gesehen und hab auch gleich gewusste: Hier geht grade etwas ganz großes los. Als ich dann wieder zu Hause in Düsseldorf war, hab ich mir auch gleich erstmal einen Schirm gemacht. Das war eigentlich kaum mehr als so ein Stock mit ner Pizzapappe dran, aber die Leute hatten ja so was noch nie gesehen. Die haben mich da auf der Strasse immer total angeschrien, so, früher wäre man dafür ja noch vergast worden. Ich hab die dann immer nur wegen ihrer Regenjacken ausgelacht.

Trini Trimpop: Nachdem Jäki damit erstmal ne Zeit durch die Stadt gelaufen ist, ging das ja alles plötzlich ganz schnell. Vor allem Im Ratinger Hof war ja der große Treffpunkt. Da gab es ja auch den ersten Schirmständer in Deutschland.

Meikel Clauss: Wir waren ja damals eigentlich alles noch totale Hosenscheißer und im Ratinger Hof haben sich ja auch immer diese ganzen alten Künstler getroffen. Da haben uns erst total ignoriert. Als das dann aber mit den Schirmen los ging, waren die alle plötzlich total begeistert. Vor allem von meinem Regenschirm. Der war so einzigartig. Den hatte ich aus nem Brecheisen und einer massiven Stahlplatte zusammengeschweißt. Die Platte hatte ich einige tage vorher auf ner Baustelle geklaut. Der war so ca. 40 Kilo schwer.

Jäki Eldorado: Damals waren die Punks in Düsseldorf ja oft nicht so beliebt. Besonders die Larcadas, diese Rockertruppe, die sind immer in den Ratinger Hof gestürmt und haben alle zusammen geschlagen und die ganzen Regenschirme kaputtgetreten. Einmal war wieder so eine Attacke, da sind wir schon alle zur Hintertür gerannt. Als ich mich aber noch mal umdrehte, seh ich da Meikel stehen. Der schwingt diesen monströsen Metallschirm. Vor ihm liegen da schon so drei oder vier Rocker bewusstlos auf dem Boden und der lacht die ganze Zeit nur total dreckig. Danach sind die Larcadas aber nicht mehr so schnell bei uns angekommen. Haha.

Meikel Clauss: Ich hab da auch erst das ganze Potential gesehen, was diese Schirme so hatten. Am Anfang waren die ja alle noch ganz bunt und aus Unterhosen und dem ganzen Kram. Wir haben dann unsere Regenschirme aus echten Knochen gemacht. Die bezogen wir dann mit Schweinehaut. Manchmal waren da sogar noch Fleischfetzen dran. Das war die totale Härte. Das war unsere Art uns von allem abzugrenzen: Härte und Gewalt.

Jäki Eldorado: Da waren dann plötzlich überall diese Dorfpunks, die sich am Wochenende in Schale warfen und dann mit ihren gekauften Regenschirmen nach Düsseldorf kamen. Die waren so aus Hamburg und Berlin und so. Da gab es ja diese Läden wo du die Schirme kaufen konntest. Da waren dann so Totenköpfe drauf. Da wusste ich eigentlich schon, dass Punk tot war. Das hatte überhaupt nichts mehr mit unserer Rebellion des Regenschirms zu tun. Das hat mir richtig traurig gemacht.

Andreas Dorau: Ich hab ja damals oft Gummistiefel getragen und hab sonst nichts mit Punk zu tun gehabt, aber ich wollte später auch gerne Mal in nem Buch über Punk vorkommen.

Trini Trimpop: Jäki Eldorado ist dann irgendwann völlig ausgetickt. De hat das einfach nicht mehr auf die Reihe bekommen. Hat sich erst Monate lang da mit seinen Schirmen in seinen Keller eingeschossen. Die haben ihn da dann irgendwann rausgeholt und direkt in die Klapse geschickt. Ich hab ihn Jahre später noch mal wieder gesehen. Der war da total anders. Hatte einen Schnauzbart und diese grelle Regenjacke. Er meinte, er macht jetzt Euro Dance. Das wäre ja jetzt viel mehr Punkrock als alles andere. Ich konnte da nur den trockenen Kopf schütteln und meinen goldenen Schirm aufspannen.

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