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Rocko Schamoni – Dorfpunks

Im letzten Jahr bin ich wohl zwanzig Mal an diesem Buch vorbei gegangen ohne ihm mehr als einen mäßig interessierten Blick aufgrund des Titels zu schenken (Ja, ich bin oft in Buchläden unterwegs, na und?). Als ich mich dann letztendlich doch noch entschloss, mein schwer verdientes Vermögen in diese Lektüre zu investieren, geschah dies auch erst nach einer Empfehlung einer Freundin, die es ihrerseits sowohl schon gelesen, als auch für gut befunden hatte. Dorfpunk. Tja, das war ich wohl auch. Doch konnte ich mit den gängigen Klischees dieser Sub-Subkultur bisher nur herzlich wenig anfangen. So sagt man diesem Völkchen wohl nach unter ständiger Langeweile zu leiden, weil das Dorf halt nicht viel für den Punk von Welt zu bieten hat. Zwar war mir auch so manches Mal langweilig, aber mir kann keine noch so eingefleischte Stadtassel erzählen, ihm/ihr ginge es anders. Allerdings lag Hamburg auch nur etwa eine Stunde mit der Bahn entfernt, was unsereins damals kein Hindernis war, diese Stadt hin und wieder heim zu suchen.

Rocko Schamoni - Dorfpunks
Cover von Dorfpunks

Diesen Luxus hatte der Autor Rocko Schamoni freilich nicht grade, dennoch wusste er, seinen Beschreibungen zu Folge, dennoch viel mit seiner Zeit anzufangen. Zumindest genug um ein Buch damit zu füllen. Und wer kann das schon von sich behaupten? Vermutlich jeder, doch hat auch jemand den Mut/die Lust alles aufzuschreiben geschweige denn so gut im Gedächtnis zu behalten, obwohl die Hälfte der Zeit zumindest immer ein erhöhter Alkoholwert im Blut messbar war? Na? Eben.

Der größte Teil dieser (wahren) Geschichte spielt in einer Zeit, in der ich entweder noch bei jedem Orgasmus meines Vaters völlig verängstigt versuchte mich im gegenüberliegenden Ende seines Sackes fest zu krallen oder zumindest noch leises, jedoch eher unbestimmtes Unwohlsein verspürte, als es langsam dem Tag meiner Einschulung entgegen ging. Um es kurz zu fassen: Die Anfangsjahre des Punk. Und noch etwas früher, um zu verdeutlichen, dass der Autor etwas für Waffen übrig hat, denke ich.

Aber mal ehrlich, als ich das Buch dann eines schönen Abends zum ersten Mal aufschlug und anfing zu lesen, war ich schon ziemlich begeistert. Der Schreibstil von Herrn Schamoni erinnerte mich doch stark an einen (etwas überlangen) „Wie wurde ich Punk“- Artikel, wie man ihn wohl in jedem Punk-Fanzine schon zu Gesicht bekommen konnte. Schön zu lesen und genau die Richtige Priese Humor. Und viele Erinnerungen an damals, welche durch das Lesen wieder ans Tageslicht kommen. So manche Anekdote scheint sogar aus dem eigenen Leben (also, dem des Lesers) zu stammen. Bei mir waren das zum Beispiel die ersten musikalischen Versuche mit einer Punkband und die nächtlichen Wanderungen durch Wald und Wiesen um zur lokalen Dorfdisko zu gelangen (auch wenn es sich in meinem Fall meist um das örtliche Schützen- bzw. Faschingsfest handelte).

Ich hab das Buch in der ersten Nacht so gegen sechs Uhr Morgens zum ersten Mal wieder aus der Hand gelegt. Den Rest beendete ich am darauf folgenden Tag um etwa neun Uhr Abends. Und das liegt nicht daran, dass die Schrift so groß, bzw. die Seitenzahl so gering ist. Es liegt viel mehr daran, dass dieses Buch einfach total sympathisch rüber kommt und man, auch bei gelegentlichen Schwächen immer gerne wissen will, wie es weiter geht. Und das macht meiner Meinung ein gutes Buch aus. Ende.

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