Im Zug nach nirgendwo

Lüneburg ist ja bekanntermaßen einen sehr schöne Stadt. Das muss man schon positiv erwähnen. Aber man will ja nun nicht jeden Freitag, Samstag, Wochentag durch die Fachwerk-Gassen und Senkungskuhlen schlendern, sondern auch mal was erleben. Und wenn man was erleben will, das mit Punkrock zu tun hat, ist der beste Ort von Lüneburg dafür der Bahnhof, sprich der nächste Zug nach Woandershin. Zum Beispiel nach Hamburg. Hier gibt es Konzerte und Partys in Hülle und Fülle. Ein Paradies für gelangweilte Punkrocker aus der Provinz. Natürlich gibt es das aber nicht umsonst und den Preis, den man für die Großstadtpriese bezahlen muss erfährt man, macht man sich nach getaner Arbeit zwischen etwa 0:30 und sechs Uhr auf zum Hauptbahnhof macht um den Heimweg anzutreten. Huch! Da fährt ja gar kein Zug! Und nun? Ja, da hilft kein Wettern und kein Fluchen. Da hilft nur, einen Schlafsack, Zeitung oder dicke Jacke mitzuhaben. Und viel, viel Geduld. So eine Scheiße!

Skandal: Auf der Metronomstecker ausgesetzt!
Wo bin ich? Bienenbüttel (nächtlich)

Aber selbst wenn man sich beeilt und den letzten Zug noch bekommt, ist Mensch ja noch lange nicht zu Hause. Es gibt da nämlich so ein Schreckgespenst namens „Metronom Regional“, welches auch das letzte Kuhkaff entlang der Schienen abklappert und die Fahrzeit mal eben locker auf dreifache Länge zieht. Wer nun schon ein wenig angeheitert des Nachts in den Zug steigt und nichts zu Lesen dabei hat (oder aus verschiedenen Gründen nicht mehr lesen kann), wird so manches Mal sanft in den Schlaf gerüttelt. Gemäß einem physikalischen und universell anwendbaren Gesetz, demnach Scheiße immer passiert, wenn die Chance dazu besteht, wacht man meistens grade dann wieder auf, wenn der Zug in Lüneburg grade die Türen schließt. Ja, da hilft kein Heulen und kein Weinen. Da hilft nur den Zug im nächsten Ort (Bienenbüttel) zu verlassen oder die Nacht in Uelzen zu verbringen. Also raus, scheint die logische Antwort, dann wird eben getrampt. Nur eine Sache gilt es zu bedenken (wenn man davon überhaupt weiß): In Bienenbüttel werden um ca. 16 Uhr die Straßenlaternen ausgeknipst. Das heißt um mittlerweile 2 Uhr Nachts sieht man dort die Hand vor Augen nicht, geschweige denn die Straße nach Lüneburg. Selbiges gilt auch für das Auto, das hier durch irgendeinen blöden Zufall alle paar Stunden vorbeikommt.

Nachdem man also zum fünften Mal gegen irgendwelche Hindernisse gerannt ist, kommt einem die Möglichkeit Taxi in den Sinn. Also Handy gezückt und angerufen, scheißegal ob’s 20 € kostet, Hauptsache man kommt hier weg. Irgendwie! „Leider nehmen wir keine Aufträge von Mobiltelefonen entgegen. Bitte rufen sie von einem Festanschluss an“. Wie bitte? Das Gehirn erfährt eine stark ansteigende Anzahl an Verstümmelungsvorstellungen. Gleichzeitig geht’s zurück zum Bahnhof, teilweise durch Vorgärten, Pfützen und versuchsweise einige Baumstämme. Dort gibt’s bestimmt ein Telefon. Stimmt. Sogar ein Kartentelefon. Aber wer, bitteschön, hat heutzutage noch ne Telefonkarte auf Tasch?! Langsam pfeift das Schwein.

Wer nun niemanden in Lüneburg oder Umgebung kennt, der/die am Sonntag Morgens um drei Uhr wahlweise noch nüchtern, wach und/oder freundlich genug ist um kurz mal nach Bienenbüttel zu fahren (Auto muss dafür auch noch vorhanden sein), macht sich nun auf einen 4-Stunden-Marsch der nicht nur entfernt an Dialog im Dunkeln erinnern wird. Wildschweinjagd Inklusive!

Zum Glück wohn ich jetzt wieder in Hamburg und wenn ich da bei der Heimfahrt (z.B. wenn ich was erleben will und zu diesem Zweck zu einem tollen Konzert nach Lüneburg fahre) einmal einpenne, gibt es immer hilfsbereite Hilfe freundlicher Helfer die einen mehr oder weniger sanft pünktlich am Hauptbahnhof des Zuges verweisen. Es sei denn der fährt noch weiter Richtung Bremen, aber das ist eine andere Geschichte.

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