Der gestreckte Mittelfinger #7

Es war 2006. Auf Fahrradtour von Hamburg nach Salzburg überraschte uns schon am ersten Tag der Regen und verfolgte uns die gesamte, 12 Tage dauernde Fahrt durch das Land. Bis auf die Haut durchnässt, kämpften wir uns durch den Schlamm der Saale-Radwanderwege und über die Berge des Bayerischen Waldes. Obwohl die Tagesetappen uns an die Grenze unserer Kräfte brachten, wurde niemand zurückgelassen und doch gab es ein Opfer zu beklagen. Der gestreckte Mittelfinger Nummer 4 befand sich an einem Tag in meiner Fahrradtasche und endete als Klumpen feuchter Papiermasse, bevor ich auch nur einen längeren Blick hineinwerfen konnte. Soviel zu meiner ersten Ausgabe dieses Zines. Nun, im Jahr 2013 begab es sich, dass nach einer Geburtstagsfeier in der Woche schon bald die letzte Bahn nach Hause fahren sollte. Ich musste rennen um sie zu bekommen. Nur bestand der Inhalt meines Rucksacks neben der Ausgabe Nummer 7 des oben genannten Fanzines auch aus zwei Bierflaschen, die beim Laufen leider etwas zu stark gegeneinanderschlugen. Sie werden sich denken können, was geschah. Glücklicherweise konnte ich mit katzenhaften Reflexen das Heft leicht angefeuchtet aus dem Biersee retten bevor schlimmerer Schaden entstehen konnte und kam deswegen in den Genuss dieses wunderbaren Zines.

Der gestreckte Mittelfinger #7
Der gestreckte Mittelfinger #7

Zunächst mal kam es mir doch sehr bekannt vor, was ich sah: Sieben Ausgaben in knapp über 10 Jahren? Das hat man doch schon einmal gehört. Aber das ist nicht die einzige Ähnlichkeit des Fanzines für Homo sapiens sapiens punkensiens mit dem Akrox (sag ich jetzt mal so). Der hier zur Schau gestellte Humor (mitunter auch Blödsinn) trifft genau meinen Geschmack. Beispiel? Im Vorwort zum Interview mit Smogtown ist der erste Satz: „In Hongkong bricht die Vogelgrippe aus, der Handel mit Taschentuch Derivaten erlebt einen bisher ungeahnten Boom“ (nachdem ich das Wort „Derivaten“ zunächst googelte, muss ich doch etwas schmunzeln). Weiter findet in diesem Sinne der GG Wallraf Bericht gefallen. Oder sagen wir es einfach mal so: Ausgezeichnete (Gast-)Artikel werden hier wie mit der Maschinenpistole verschossen. Ob uns nun Mika brühwarm über die Arbeit bei Astro-TV berichtet (ich weiß noch immer nicht genau, ob es Fiktion oder Wirklichkeit ist), ein Labellokauf in einer unglaublichen und zugleich skurril unspektakulären Geschichte endet oder Prof. Dr. Dr. Philipp Bäppler von der Crust University Flensburg mal wieder beweist, dass er irgendwo, tief in ihm drin, etwas hat, mit dem ich mich identifizieren kann… Die Qualität und der Humor bleiben auf hohem Nivea.

Im Gegensatz zu einem anderen Schreiber der hiesigen Fanzineszene braucht Herausgeber Falk nicht selbst zum Stift greifen um den 10ten Geburtstag gebührend zu feiern. Das erledigt nämlich niemand geringeres als Jan vom Trust Fanzine, der in gewohnter Manier, mit Abstrichen schmeichelnd, aber nicht kritiklos, seine persönliche Beziehung zum gestreckten Mittelfinger darlegt.

Im Verlauf der Ausgabe wird immer das Thema der letzten Nummer aufgegriffen (Punk und Downloads?). Neben einem Interview mit der Macherin des Ya-Can’t-go-home-Blogs welcher Alben verschiedener Bands zum Download anbietet, wird auch die Band Kotzen (u.a.) dazu befragt.

Seit ich den gestreckten Mittelfinger Nummer 7 nun gelesen hab, trauere ich noch mehr jener verlorenen Ausgabe von damals hinterher. Denn dieses Fanzine ist mir durch und durch sympathisch, besticht mit genau den richtigen Gastschreibern und wird von nun an in meiner Top-5 der sehnsüchtig erwarteten neuen Ausgaben in nicht allzu ferner Zukunft seinen Platz finden. Weitere Infos und Kontakt auf trashrock.de

Kommentare | Kategorie: Print, Reviews

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